Alle 35.000 Eintrittskarten waren in wenigen Stunden
ausverkauft. Aber was die Tricolores sehen wollten war nicht das Spiel von ihrem
Fluminense, sondern die Pokalübergabe. Zunächst weigerte sich der CBF die
Pokalübergabe am Sonntag im Stadion zu machen, denn sie haben dafür einen
Festakt im Theater in São Paulo für den 03.12. geplant. Die Woche wurde deshalb
von der Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Aktion bestimmt, bis sich dann
der CBF endlich erweichen ließ. Irgendwie war allen klar, dass die
Pokalübergabe im Theater ein Akt von Technokraten war, die Fußball nicht
verstanden haben, nur der Fußballverband hatte Probleme das einzusehen.
Was gestern im Engenhão Stadion durchgeführt wurde,
war somit ein Festakt. Das Spiel geriet für alle Beteiligten zur Nebensache.
Rund um das Stadion wurden die in Brasilien üblichen Meisterschärpen verkauft,
die sich die Fans stolz überstreiften. Mehrere Tricolores hatten sich für
diesen Tag eine besondere Verkleidung, wie Hüte, Masken oder bemalte Gesichter
überlegt. Am besten hat mir der Fan gefallen, der sich einen kompletten Frack,
mit Zylinder und Fliege in den Farben grün-weiß-rot geschneidert hat. Diese
Verkleidung spielt auf den aristokratischen Ursprung des Vereins an.
Vor dem Stadion treffe ich Amanda, die auch eine
Eintrittskarte ergattert hat: „Du wirst heute die beste Mannschaft Brasiliens
sehen.“, erklärt sie mir. „Das wird dir gefallen. Mein Team hat die
Meisterschaft gewonnen!“ Vor dem Osteingang, an dem sich die Tricolores
treffen, ist noch eine halbe Stunde vor Spielbeginn die Hölle los.
Eigentlich hat das Engenhão ein offizielles
Fassungsvermögen von 45.000 Zuschauern. Aber die gesamte Nordkurve, etwa 10.000
Plätze, werden für Gästefans reserviert. Bei den riesigen Entfernungen zwischen
brasilianischen Erstligastädten heißt das zumeist, dass dieser Bereich fast
komplett leer bleibt. Das wissen auch die Tricolores, die keine Karte haben,
und so beobachte ich eine große Menge, die versucht sich am Nordeingang Zutritt
zu verschaffen. Sie schreien „Cruzeiro, Cruzeiro“, aber die Ordner bleiben
hart. Ein typisches Beispiel für das Beharren auf unsinnige Regeln.
Als ich etwa 15 Minuten vor Spielbeginn auf die
Tribüne komme, bemerke ich erneut, dass es sich heute um ein besonderes Spiel
handelt, denn die Mannschaft ist schon auf dem Platz, um die Meisterfotos zu
machen. Diese Änderung des normalen Protokolls, bringt auch die Fans aus dem Rhythmus.
Sie hatten eine Choreographie (Fizeram História – Sie haben Geschichte
geschrieben) geplant, die beim Einlaufen der Mannschaften gezeigt werden sollte.
Kurz vor Spiel wird sie eher etwas schief gezeigt. Danach wird das berühmte
Talkpulver in die Höhe geschmissen, dass den Fluminensespielen das besondere
Flair verleiht.
Plötzlich gibt es Aufregung hinter mir. An einem der
Zugänge bildet sich eine Menschentraube. Nach einiger Zeit sehe ich wer den
Tumult verursacht: Novak Djokovic. Die Nummer Eins der Tennis-Weltrangliste ist
gerade in Rio für ein Freundschaftsmatch gegen Gustavo Kürten und ließ es sich nicht
nehmen den brasilianischen Meister zu sehen.
Dann wird es plötzlich ruhig. Es wird jetzt richtig
klar, dass das Spiel eher stört. Die Fans wollen den Pokal sehen und die
Spieler ihn entgegennehmen. Sie sind auch komplett von der Rolle und verlieren
0:2. Die Luft ist einfach raus. Da hilft es auch nicht, dass die Akustik des
Engenhão fürchterlich schlecht ist und so ist es selbst in einem ausverkauften Stadion
schwer Stimmung zu erzeugen.
So überrascht es nicht, dass die Fans erst etwa fünf
Minuten vor Spielende wieder beginnen ihre Gesänge anzustimmen. Sie fiebern dem
Moment der Pokalübergabe entgegen. Dann ist es endlich soweit: der
Schiedsrichter pfeift ein gruseliges Spiel ab und die Spieler von Fluminense begeben
sich zu der in der Nordkurve errichteten Bühne. Endlich bekommen sie den Pokal
und können, unter dem Jubel der Fans, die lang ersehnte Ehrenrunde drehen.
2x0? Scheiß drauf. Ich bin Meister!
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