Donnerstag, 18. Juli 2013

Olimpia – Atlético MG, 2:0

                              Quelle: http://impedimento.org/sao-caetano-x-olimpia-libertadores-2002/

Auch die diesjährige Libertadores-Saison neigt sich ihrem Ende zu. Letzte Woche in Argentinien konnte ich zumindest Teile des dramatischen Halbfinales zwischen Atlético MG und Newells aus Rosario in Argentinien sehen. Ich war etwas überrascht, dass in Argentinien nicht jede Kneipe und jedes Restaurant einen Fernseher hat. Gegen Ende der Partie fiel in Belo Horizonte der Strom aus. Erst danach gelang der Heimmannschaft das 2:0, was das Spiel ins Elfmeterschießen brachte, da Newells das Hinspiel ebenso mit 2:0 gewann. In Südamerika sind Verlängerungen unüblich.
Atlético MG hatte dann die besseren Nerven und gewann 3:2. Für die Argentinier Anlass genug, hinter dem Stromausfall eine Taktik zu vermuten. Parallel dazu konnte sich Olimpia (PAR) mit 2:0 und 0:1 gegen Santa Fé (KOL) durchsetzen.

Halbfinale
Atlético MG
0
2 (3)
Newells (ARG)
2
0 (2)
Santa Fé (KOL)
0
1
Olimpia (PAR)
2
0


Finale
Atlético MG
0

Olimpia (PAR)
2


Was mir in Argentinien außerdem noch aufgefallen ist, ist, dass an jeder Ecke eine Statue eines Freiheitshelden, also eines Libertador, steht: General San Martin, General Belgrano, General Sarmiento usw. Brasilien hat in diesem Sinne keine Freiheitshelden. Die Unabhängigkeit wurde von Kaiser Pedro I. ausgerufen, der sich von seinem Vater in Portugal lossagte. Später dankte Pedro in Brasilien ab, um erneut die Krone Portugals zu akzeptieren. Es gibt hier also keinen echten Schnitt. Im Gegensatz dazu haben aber auch andere spanischsprachige Länder ihre Freiheitshelden, wie Bolivar (Venezuela), Artigas (Uruguay) oder Caballero (Paraguay).


Der Name Libertadores-Pokal ist also viel mehr eine Referenz an das spanischsprachige Amerika, als an das portugiesischsprachige. Somit ist für Brasilianer der Kontinentalwettbewerb immer ein gefährliches Abenteuer in fremden und unbekannten Welten.
  Gestern kam es zum Finalhinspiel in Asuncion bei Olimpia. Atlético MG musste sich wieder auf so ein Abenteuer in gefährliche und feindliche Gefilde aufmachen. Während Atlético MG noch nie den Libertadorespokal gewinnen konnte, ist Olimpia mit drei Titeln eine der führenden Mannschaften. Die Heimfans brachten das dann auch in einer stolzen Choreografie zum Ausdruck: „Der König will seinen vierten Titel!“ Irgendwann in der ersten Halbzeit fischte Ronaldinho zwei Steine mit denen er gerade beworfen wurde aus dem Rasen. Das Land der Libertadores ist ein heißes Pflaster für Brasilianer.


Es scheint, dass das Ronaldinho schwer beeindruckt hat, denn er hatte keinen guten Abend und wurde Mitte der zweiten Halbzeit ausgewechselt. Insgesamt hatte Atlético MG mehr Ballbesitz und Raumüberlegenheit, aber die Tore machte Olimpia. In der 22. Minute schnappte sich Alejandro Silva den Ball, spazierte durch die gesamte Atlético-Abwehr und traf aus etwa 20 Metern zum 1:0. Den Endstand erzielte Pittoni in der Nachspielzeit per Freistoß. Gegen Ende des Spiels wurde auch noch Richarlyson des Feldes verwiesen. Jetzt wird es schwer nächste Woche im Rückspiel in Belo Horizonte den Titel noch zu gewinnen – aber es ist natürlich nicht unmöglich.



Übrigens war gestern wieder eine unruhige Nacht in Brasilien. In Rio de Janeiro wurde gegen den Gouverneur Sergio Cabral demonstriert, was im Stadtteil Leblon zu einem Verkehrschaos, zerbrochenen Scheiben und Feuerbarrikaden führte. In Porto Alegre wird weiterhin jeden Donnerstag demonstriert. Und in Belo Horizonte gehen die Menschen wegen der hohen Eintrittspreise beim Libertadores-Finale auf die Straße. Die Zeit der Massendemonstrationen ist vorbei. Aber es gärt weiterhin im Land.

Samstag, 13. Juli 2013

Out of Brazil: Fußball in Cordoba


Ich habe den Rest der Woche in Cordoba verbracht. Heute konnte ich mit dem Belgrano-Fan Nico zwei Stadien besuchen. Zunächst führte er mich in den Stadtteil Alberdi zum Stadion von Belgrano. Alberdi ist ein Arbeiterstadtteil mit vielen Migranten aus Bolivien und Peru. Das ist auch das Profil der Fans von Belgrano. Das Derby wird gegen den Mittelschichtverein Talleres ausgetragen, der Belgrano als „Bolivianos“ beschimpft. Die Antwort ist dann immer „Was machen wir in Bolivien? Wir bringen die Drogen für unsere Partys mit.“





Die Provinz Cordoba war die erste argentinische Region, die sich von Spanien lossagen konnte. Daraus leiten die Belgrano-Fans eine Berufung zum Wiederstand ab. Bei den Protesten während der Krise von 2001 kam es in Alberdi zu Straßenschlachten zwischen Demonstranten und Polizei. Die Protestierenden schmissen Murmeln auf die Straße, damit die Polizeipferde ausrutschten. Diese Geschichte ist auf vielen Graffitis verewigt.


Das klubeigene Stadion liegt schön in Mitten des Stadtteils. Man ist nah am Feld. Aber für Derbys wird das größere Mario-Kempes-Stadion genutzt. Dieses liegt außerhalb der Stadt und wurde für die WM 1978 erbaut. Hier ereignete sich die „Schmach von Cordoba“.





Auch in Argentinien isst man gut. Hier ein Locro (Maiseintopf) und Empanadas (Pasteten).

Dienstag, 9. Juli 2013

Out of Brazil: Fußball in Buenos Aires

Wie gesagt: Leider ist gerade keine Saison in Argentinien. Deshalb habe ich leere Stadien besucht. Den Anfang habe ich bei Defensores Belgrano gemacht.





Weiter ging es mit einer argentinischen Grillplatte: Parillada.


Wahlkampf mit Fußball:


Und schließlich: River Plate.




Sonntag, 7. Juli 2013

Out of Brazil: Rugby in Argentinien


Sehnsucht nach dem Winter? Dann muss man einfach Mitten im Juli einen Flug nach Argentinien buchen. Buenos Aires hat mich mit kühlen fünf Grad empfangen. Bitterkalt für meinen Geschmack. Aber Buenos Aires hat auch viel zu bieten, zum Beispiel saftige Steaks und schöne Architektur. Leider wurde die argentinische Fußballmeisterschaft am letzten Wochenende beendet. Meister wurde Velez mit einem 1:0 im Finale gegen Newells.
Aber Argentinien ist nicht so eine Sportmonokultur wie Brasilien und so kann man hier auch Tennis, Polo und Rugby bewundern. Also habe ich mich gestern bei wolkenbedecktem Himmel mit dem Zug nach San Isidro aufgemacht, um dort das Spitzenspiel der ersten Liga von Buenos Aires (http://www.urba.org.ar) zwischen San Isidro Club (CIS) und Club Universitario de Buenos Aires (CUBA) zu sehen.


Rugby ist in Argentinien der Sport der gehobenen Mittelschicht. Er wird in den Klubs in den Vororten der Provinz Buenos Aires oder auf dem Land ausgeübt, wo diese Gesellschaftsschicht ihre Wochenendhäuser hat. Deshalb fährt man mit dem Zug über eine Stunde, um zu den Stadien zu kommen. Man kann auch nicht wirklich von Stadien sprechen. In Argentinien spricht man von den Countries, das sind geschlossene Viertel in deren Mitte ein Sportklub liegt, der normalerweise Rugby, Hockey und Golf anbietet. Die Vereine verfügen über ein Sportheim, in dem man sich gesellig zum Grillen oder zum Kaffee trifft.


Der Ort San Isidro ist eine Hochburg des argentinischen Rugbys. Hier befinden sich mit dem Club Atletico San Isidro (CASI) und dem SIC, zwei der wichtigsten Rugbyvereine des Landes. SIC hatte gestern ein Heimspiel gegen einen weiteren Titelaspiranten: CUBA. Um genauer zu sein: Es handelt sich um eine Regionalliga von Buenos Aires. Die nationale Meisterschaft findet erst gegen Ende des Jahres statt.
Ich komme mit dem Zug in San Isidro an und erwische sofort den Bus 333, der mich mit freundlicher Hilfe des Fahrers an das Tor des Clubs bringt. Dort musste ich 50 Pesos (etwa €10) berappen, was im Preisgefüge Argentiniens teuer ist. Die Nationalmannschaft – Los Pumas – hat sich inzwischen in der Weltspitze zwischen Südafrika, Neuseeland, Australien, England und Frankreich etabliert. Trotzdem ist die Vereinsstruktur noch sehr amateurhaft. Was auch zum Klassenethos der Rugbyspieler passt.


Ein Spieltag ist praktisch ein Treffen der beiden Klubs. Während die Jungs Rugby spielen, üben sich die Mädels im Hockey nebenan. Die Eltern treffen sich zum Kaffee im Klubheim. Als ich ankommen finden gerade die Spiele der dritten und vierten Mannschaften statt. Ich hole mir erst mal ein Steaksandwich und ein Bier und setze mich auf die Holztribüne. Als dann die zweite Mannschaft einläuft bauen einige Frauen einen Kuchenstand auf und ich gönne mir eine Schokoladentorte mit „Dulce de Leche“ (Karamel) und viel Schlagsahne. So verbringt man gut den Nachmittag in geselliger Runde.
Bedenkt man den Amateurstatus dieses Sports, so überrascht es doch, dass ESPN das Spiel live übertragen hat. Witziger Weise wird SIC von Direct TV, also einem Konkurrenten von ESPN gesponsert. Während des Spiels der ersten Mannschaften wurden die TV-Kameras mehrfach für den Videobeweis benutzt.


Rugby ist ein sehr schönes Spiel, das meines Erachtens zu wenig Aufmerksamkeit in Deutschland erfährt. Es ist faszinierend wie die Mannschaften mit viel Teamgeist ihre Spielzüge aufbauen müssen, da man nur rückwärts passen darf. Ebenso beeindrucken die „Kampszenen“, in denen sich die kräftigen Leiber gegeneinander werfen, um den Punkt zu erzwingen. Die Regeln sind nicht ganz einfach und die Zuschauer erkennen oft nicht, was im Gewühl geschieht.
Schon die Zählweise ist komplex: 5 Punkte für eine Try, der zu einem Conversion-Schuss führt (2 Punkte) und Penaltys zählen drei Punkte. Gestern haben beide Mannschaften je zwei Trys erzielt (vergleichbar mit dem Touch Down im American Football), konnten aber keinen einzigen Conversion verwerten. So fiel die Entscheidung mit den verwerteten Penaltys: SIC erzielte einen und CUBA drei, Endergebnis: SIC 13, CUBA 19.
Das Hauptspiel war sehr gut besucht, ich würde um die 2.000 Zuschauer schätzen. Ich hatte auch das Gefühl, dass mehr Fans von CUBA, als von SIC anwesend waren. Gegen Ende sangen sie sogar Lieder, was eher ungewöhnlich ist. Es gibt einige sehr überraschende Dinge im Rugby. Dazu gehört, dass es keine Fankultur im Sinne von Musik und Gesang gibt. Immer wieder beeindruckend ist, wie kommentarlos Schiedsrichterentscheidungen hingenommen werden. Man muss sich an den Spruch: „Rugby ist ein Hooligan-Sport, der von Gentleman ausgeübt wird und Fußball ist ein Gentlemansport, der von Hooligans ausgeübt wird.“, erinnern. Gestern wurde sogar überraschend ein Spieler von SIC vom Platz gestellt, was den Auswärtssieg von CUBA ermöglichte. CUBA eroberte damit die Tabellenspitze und jubelte dementsprechend ausgelassen.



Eine andere Eigenheit ist, das oftmals Leute auf das Spielfeld kommen, während das Spiel weiterläuft. So betreten die Ärzte, um einen verletzten Spieler zu behandeln, den Platz. Deswegen wird aber das Spiel nicht unterbrochen. Bei Penaltys bringen Kinder die Stütze für den Ball in Eiform. Insgesamt war das Spiel schön ausgeglichen und somit sehr dramatisch. Es ist sehr gut zwei Mannschaften auf ähnlichem Niveau zu sehen. Somit konnte ich nach meinem Tag in San Isidro zufrieden meine Heimreise ins Zentrum von Buenos Aires antreten.

Mittwoch, 3. Juli 2013

Rückblick Confed Cup

Drei Tage nach dem Finale konnten sich die Eindrücke dieses Confed Cups etwas setzen und ich kann mich daran machen, einen kleinen Rückblick zu schreiben. Es ist viel passiert in den letzten zwei Wochen. Eine Bewertung fällt wie immer sehr schwer. Ich würde vorschlagen die Analyse in verschiedene Gesichtspunkte aufzuteilen.


Der Confed Cup ist sicherlich kein wichtiges und sportlich wertvolles Turnier, sondern dient eher als Testlauf für die WM im nächsten Jahr. Von daher muss die FIFA rundherum zufrieden sein mit dem Confed Cup. Organisatorisch ist im Stadion alles bestens gelaufen. Die Stadien wurden fertig und sind wunderschön. Es gab keine größeren Schlangen und der Sicherheitsapparat hat funktioniert. Ich hatte in keinem Flughafen des Landes Schwierigkeiten. Die FIFA dürfte außerdem gefreut haben, dass die Mannschaften tatsächlich Leistung gezeigt haben und wirklich gewinnen wollten. Das Ergebnis waren einige wunderbare Spiele auf höchstem Niveau. Genannt sei hier das 4:3 Italiens gegen Japan.


Italien war überhaupt die positive Überraschung des Turniers. Ich kann mich nicht daran erinnern eine so toll aufspielende Azzura gesehen zu haben. Neben den Topteams aus Europa und Südamerika wurde Tahiti, als Vertreter Ozeaniens, zum exotischen I-Tüpfelchen. Das Ergebnis waren nicht nur tolle Spiele, sondern auch eine Torflut. Abgeschlossen wurde das Ganze von einem berauschenden Finale, bei dem Brasilien über sich hinauswuchs. Drei Tore, einen Elfer, eine Rote Karte und eine der spektakulärsten Abwehraktionen der Fußballgeschichte, durch David Luiz, ganz abgesehen von den glänzend gelaunten Fans, waren die Zutaten. Ich hielt es auch für sehr glücklich, dass die FIFA vor jedem Spiel „Thunderstruck“ von AC-DC spielte.


Bei FIFA-Turnieren ist es so, dass man die Tickets im Internet kauft und einen Voucher ausdruckt. Diesen muss man dann an einem Kartenschalter gegen die Tickets eintauschen. Dabei gab es Klagen über lange Schlangen. Es ist aber so, dass die FIFA lange vor dem Turnier verkündete, dass die Tickets frühzeitig abgeholt werden sollten, um diese Schlangen zu vermeiden. Es wurde also darauf hingewiesen, dass die Kassenschalter einem Last-Minute-Ansturm nicht standhalten würden. Man kann jetzt darüber streiten, ob man damit übereinstimmt oder nicht.


Aus meiner Sicht ist viel bedenkenswerter, dass die Stadien zwar schön sind, aber zu Hochsicherheitstrakten wurden. Die übertriebene Besorgnis um die Sicherheit zerstört jegliche Fankultur. Man muss früh ans Stadion kommen, um Schlangen an der Kontrolle zu vermeiden, darf dann aber nicht zu den eigenen Liedern singen und tanzen, sondern wird von einem brüllenden Lautsprechersystem beschallt. Fangruppen werden wegen den Sitznummern getrennt und größere Fanutensilien sind verboten. Das Ergebnis ist eine erschreckende Stille in den Stadien während der Partien. Im Vergleich zu Ligaspielen sind Länderspiele einfach langweilig.


An den Stadien gibt es keine Parkplätze, was aus ökologischen Gesichtspunkten durchaus Sinn macht. Der Transport geschieht mit Sonderbussen, die an improvisierten Busbahnhöfen in gewisser Entfernung der Stadien halten. Das hat im Großen und Ganzen besser funktioniert als erwartet, nur in Recife gab es Klagen beim Spanienspiel. Hier ist mir nicht ganz klar, warum man nicht einfach noch eine Metro-Station am Stadion gebaut hat. Außerdem frage ich mich, wie Menschen, die Schwierigkeiten haben, zu Fuß zu gehen, den oft langen Weg von der Busstation bis zum Stadion zurücklegen sollen.


Das brasilianische OK ist sicherlich auch froh, dass der erste Test bestanden wurde. Jetzt hat man schon sechs funktionstüchtige Stadien und muss in den nächsten 12 Monaten nur noch die anderen sechs fertigstellen. Ich habe gelesen, dass beklagt wurde, dass die Wege zwischen den Städten sehr weit sind. Dem muss man aber entgegenhalten, dass Brasilien halt geografisch so groß ist. Das hat man gewusst, als das Land als WM-Gastgeber ausgesucht wurde und kann nicht geändert werden. Außerdem ist das in den USA oder Russland nicht anders. Wie gesagt, ich hatte keine Probleme an den Flughäfen.
Eine andere Diskussion war die fehlenden Sprachkenntnisse der Volontärs und Ordner. Ich habe das eigentlich anders erlebt, denn ich wurde meistens auf Englisch, manchmal sogar auf Deutsch angesprochen. Insgesamt ist es aber richtig, dass zu viele Brasilianer kein Englisch sprechen. Da herrscht sicherlich Nachholbedarf. Der Fan muss sich nächstes Jahr darauf einstellen entweder mit Händen und Füßen zu reden oder etwas Portugiesisch zu lernen.


Der große Moment dieses Confed Cups waren jedoch die Massenproteste auf der Straße. In Rio de Janeiro standen plötzlich 300.000 Menschen auf der Avenida Presidente Vargas und füllten sie komplett. Das Hubschrauberbild dieser Menschenmasse ist für mich das Bild des Turniers. Die Demonstrationen erschütterten Politik, Medien und Zivilgesellschaft in ihren Grundfesten. Die Regierung ging umgehend zu Reformmaßnahmen über, ja, es wurden regelrecht Vorschläge durchs Parlament gewunken. Das war ziemlich spannend.


Der Schwachpunkt des Turniers war die brasilianische Polizei, die völlig überfordert war. Ihre Strategie bestand daraus Tränengasbomben in die Menge zu werfen, um sie zu vertreiben. So wurde kein Unterschied zwischen friedlichen Demonstranten und Randalieren gemacht. So wurden die zuvor friedlichen Demonstranten wütend und begannen oft auch Steine zu werfen oder öffentliche Einrichtungen zu beschädigen. Das Ergebnis ist, dass weder die Randalier festgenommen, noch tatsächlich die Randale unterbunden werden konnten. Der einzige Erfolg war, dass die Stadien, und somit die FIFA-Veranstaltung, geschützt werden konnten. Es ist tatsächlich bemerkenswert, wie wenig die Rolle der Polizei in Brasilien diskutiert wird.



Insgesamt ist das Fazit jedoch positiv. Ich habe das Gefühlt, dass den Brasilianern selber das Turnier gefallen hat. Sie sind mit sich selbst im Reinen, denn sie haben nicht nur den Titel gewonnen und ihr Organisationstalent gezeigt, sondern auch ihre Bürgerpflicht getan und für Reformen protestiert. Deswegen ist Brasilien das Land des Fußballs, denn selbst politische Manifestationen sind an die Nationalsportart gebunden. 

Montag, 1. Juli 2013

Brasilien – Spanien, 3:0


Aufgrund der Erfahrungen bei anderen Spielen kam ich gestern sehr früh mit meinem Kollegen Reinhard vom Ballesterer am Maracanã an. Es war aber genau rechtzeitig, um die erste Runde der Demos am Stadion vorbeiziehen zu sehen. Es war etwa 13.00h und etwa 5.000 Demonstranten brachten friedlich ihre Anliegen vor. In Rio sind Themen wie Zwangsräumung von Armenvierteln und die Privatisierung des Maracanã große Themen für die Demonstranten.


Insgesamt hatte ich aber den Eindruck, dass die Demos an Kraft verloren haben. Es trifft sich nur noch ein kleiner Kern. Man sieht auch, dass Organisationen, wie die Landlosen Bewegung MST und die Linkspartei PSTU wieder mitmarschieren. Insgesamt handelte es sich aber aus meiner Sicht um eine gemäßigte Gruppe.


Wir schlossen unsere Ausrüstung im Media Center weg und beschlossen erst einmal zu Mittag zu essen. Die Bar Varnhagen ist da eine hervorragende Adresse. Sie liegt nur etwa fünf Minuten Fußweg vom Stadion entfernt, schenkt Bier aus und bietet bodenständige Gerichte. Die anderen Gäste verfolgten gerade das Spiel um den 3. Platz, das Italien im Elfmeterschießen gewann, als wir Schweineschnitzel bestellten.


Von dort machten wir uns auf den Weg zum Saens Pena Platz, denn es war noch eine zweite Demo angekündigt. Ich würde schätzen, dass es sich diesmal um noch weniger Teilnehmer handelte. Außerdem konnte man diesmal den schwarzen Mob erkennen. Die Stimmung war aggressiver, als bei der ersten Demo des Tages. Der Marsch setzte sich in Bewegung und wir gingen zum Maracanã zurück.


Dort hatten sich inzwischen unfassbare Polizeimassen aufgestellt. In der lokalen Presse wurde vermeldet, es würde sich um etwa 11.000 Beamte halten. Selbst ein Caveirão, also ein gepanzertes Fahrzeug, mit dem in Favelas operiert wird, war zu sehen.


Als wir auf der Tribüne Platz nahmen konnten wir den Blick ins weite Rund genießen. Heute war es anders. Die brasilianischen Fans waren gut gelaunt und schafften es Atmosphäre in das majestätische Stadion zu zaubern. Ein erster Gänsehautmoment war dann das Singen der Hymnen. Die brasilianische Hymne wurde unterbrochen, doch die Fans und das Team sangen „a Capella“ weiter. Das war ziemlich stark und hat wahrscheinlich einen sehr einschüchternden Effekt auf den Gegner. Es hat mich an den Haka der neuseeländischen Rugbynationalmannschaft erinnert.  


Danach legte Brasilien los wie die Feuerwehr. Schon in der zweiten Minute erzielte Fred das 1:0. Aggressives Pressing und überfallartige Angriffe brachten die Spanier total aus dem Konzept. Trotzdem fand Spanien noch in der ersten Halbzeit wieder ins Spiel und wäre fast zum Ausgleich gekommen, wenn David Luiz den Ball nicht in unglaublicher Art und Weiße noch über die Latte gelenkt hätte. Felipão erklärte diese Situation später zum spielentscheidenden Moment. Danach gelang Neymar die Vorentscheidung.
In der zweiten Halbzeit erzielte Fred das 3:0 und Sergio Ramos verschoss (mal wieder) einen Elfer. Als Piqué mit Rot vom Platz geschickt wurde, schrie im die Menge „Shakira, Shakira“ entgegen. Insgesamt waren die 73.000 brasilianischen Fans extrem gut aufgelegt. Zum Hit des Abends wurde: „Der Meister ist zurück“ (O campeão voltou). Das Spiel hatte einfach Alles, was ein gutes Match braucht.


In der anschließenden Pressekonferenz zeigte sich zunächst Del Bosque etwas mürrisch, wollte aber den Reiseeffekt trotzdem herunterspielen. Spanien musste am Donnerstag im Halbfinale eine Verlängerung in Fortaleza spielen und konnte dann nicht mehr, wie gewünscht, sofort nach dem Spiel die drei Stunden Flugreise nach Rio antreten. So verlor man den Entspannungstag am Freitag und musste am Sonntag schon das Finale bestreiten. Brasilien hingegen konnte schon am Mittwoch gemütlich von Belo Horizonte (1 Flugstunde) nach Rio kommen.
Die brasilianische Presse war dann bestens gelaunt und wollte von Felipão nur Kommentare zum Sieg hören. Die kritischen Zwischentöne kamen von englischen Journalisten. Einer ging so weit zu sagen, dass genug Militär auf der Straße wäre, um Paraguay einzunehmen. Felipão reagierte verschnupft: „Ich kann das nicht kommentieren. Kümmern sie sich um ihr eigenes Land. Was ist vor Olimpia in London passiert?“



Als wir aus der Pressekonferenz gingen stellten wir fest, dass das Tor zum Spielfeld offen stand. Wie Kinder stürzten wir uns auf den heiligen Rasen und schossen Fotos aus allen möglichen Blickwinkeln. Was für ein großes Finale!