Sonntag, 23. Juni 2013

Recife

Ich bin in meiner letzten Station, Recife, angekommen. Mein Flug von Salvador nach Recife war genau wöhrend des Spiels Brasilien - Italien 4:2. Der Pilot hat immer wieder die Zwischenstände vermeldet. Nach dem Schlußpfiff sagte er: "Glückwunsch an uns alle". Jetzt aber zur Städtbeschreibung Recifes.


Die Stadt
1535 gründeten die Portugiesen die Stadt Olinda, von wo aus sie das Land Pernambuco verwalteten. 1630 wurde die Region als Holländisch-Brasilien von den Holländern besetzt, die ihre Hauptstadt in den benachbarten Mangroven errichteten und ihr den Namen Mauritsstad gaben. 1654 wurde Pernambuco von den Portugiesen zurückerobert und Mauritsstad in Recife („Riff“) umbenannt.


Seitdem ist Recife das bei weitem bedeutendere Zentrum der beiden – vor allem wegen seines Hafens. Im Stadtzentrum kann man historische Gebäude wie das Zollhaus, den Markt oder die Docks besuchen, die Recifes Wandel dokumentieren. Die 1,5 Millionen-Einwohner-Metropole ist ein brodelndes Zentrum mit abwechslungsreichem Kulturleben, das sich vor allem auf den Halbinseln zwischen dem Capibaribe- und dem Beberibe-Flüssen abspielt. Außer Theater, Kirchen und Museen locken dort Musikveranstaltungen mit den lokalen Rhythmen Frevo und Maracatu, die besonders den Karneval begleiten.


Recifes Zentrum platzt allerdings aus allen Nähten und versinkt täglich im Verkehrschaos. Dazu kommt, dass die Stadt bei Regen schnell mal unter Wasser steht, weil das Wasser bei Flut nicht ins Meer ablaufen kann – eine Folge der meeresnahen Bauweise der Holländer. Die Regenzeit fällt im Übrigen exakt in die WM-Monate Juni und Juli.
Erst in den 1950er Jahren wurde der Bereich entlang des Boa-Viagem-Strandes erschlossen und zum Oberschichtviertel. Leider ist der Strand seit dem Bau des Großhafens Suape mit Haien verseucht. Fast monatlich gibt es Attacken auf Surfer, und so sollte das Wasser lieber gemieden werden. Stattdessen lohnt sich ein Besuch der Museen Instituto Brennand und Oficina Brennand oder des Museums des Nordostens.


Die leicht zu erreichende historische Altstadt von Olinda gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe. Im Gegensatz zu Recife ist das Leben in Olinda beschaulich und ruhig. Man kann gemütlich zwischen der portugiesischen Kolonialarchitektur flanieren, eine der unzähligen barocken Kirchen besuchen oder die lokalen Ateliers durchstöbern. Olinda ist außerdem eine interessante Alternative wenn die Hotels in Recife ausgebucht sind.


Die Küche Pernambucos ähnelt der in anderen Gegenden des Nordostens. Im Küstenbereich werden viele Meeresfrüchtegerichte gereicht, in erster Linie Garnelen und Krebse (Caranguejo). Spektakulär ist Camarão na Moranga – das ist ein mit Garnelen gefüllter ganzer Kürbis. Im Landesinneren sind getrocknetes Fleisch (Carne Seca oder Carne de Sol), Maniok und Coalhokäse beliebt. Bohnen werden hier mit dem Maxixe-Gemüse zubereitet. Typisch für Pernambuco ist Arrumadinho aus getrocknetem Fleisch, Maniokmehl und Bohnen. Dazu wird Butter in Flaschen gereicht. Außerdem gibt es viele Gerichte aus Innereien, wie Sarapatel, Ziegenmagen (Buchada de Bode) oder Huhn in Blutsauce (Frango Cabidela).


Ein weiteres Kennzeichen der Küche Pernambucos ist der Bolo de Rolo, ein gerollter Kuchen mit Guavenmarmelade. Unbedingt probieren sollte man auch die Queijadinha - ein Nachtisch aus Käse und Guaven – sowie die getrockneten Cajúfrüchte. Auch die Tapioca-Pfannkuchen aus Maniokstärke dürfen natürlich nicht fehlen.

Der Fußball
Die drei großen Vereine Recifes Santa Cruz, Sport und Náutico haben jeweils eigene Stadien inmitten von zentrumsnahen Wohnvierteln, weshalb das Verkehrschaos an Spieltagen noch vergrößert wird. Das neue WM-Stadion wird jedoch rund 30 Kilometer außerhalb der Stadt gebaut, womit das Stauproblem minimiert wird.
Das WM-Stadion wird nach dem Turnier von Náutico gemietet, einem der ältesten Fußballvereine Pernambucos, der 1901 von deutschen und englischen Migranten gegründet wurde. Bis heute gilt der Verein als Klub der Mittel- und Oberschicht. In den 1970er Jahren verpflichtete man bei einem Jamaica-Ausflug mit Alan Cole einen Freund von Bob Marley. Cole schoss aber zu wenig Tore und rauchte zu viel Marijuana, weshalb man sich nach kurzer Zeit wieder von ihm trennte. Die Heimspiele des Vereins werden bis zur Eröffnung des WM-Stadions im Aflitosstadion ausgetragen.


Da sich Náutico zu seiner Gründerzeit ausschließlich Wassersportarten wie Rudern widmete, stand man dem Fußball eher skeptisch gegenüber. Als Guilherme Fonseca eine Fußballausrüstung von seinem Studienaufenthalt in Cambridge mitbrachte, fand er daher kein Gehör bei Náutico und gründete den Klub Sport, der sich zum erfolgreichsten Klub Pernambucos mauserte. Das Stadion von Sport, die Ilha do Retiro, war 1950 Schauplatz des WM-Spiels zwischen Chile und den USA (5:2).


Heute ist Santa Cruz der populärste Verein der Stadt. Obwohl man die letzten Jahre nur in der dritten oder vierten Liga verbrachte, verbucht Santa Cruz in seinem Stadion Arruda den höchsten Zuschauerschnitt Brasiliens! 1943 unternahm der Klub Santa Cruz eine berühmte Rundreise durch Brasiliens Norden, die heute „Selbstmordausflug“ genannt wird. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs durchgeführt, als das Passagierschiff ständig von U-Booten bedroht war. In der Amazonasregion wurden zudem mehrere Spieler von Tropenkrankheiten befallen, denen der Torwart zum Opfer fiel. Daraufhin wollte die Mannschaft umgehend nach Recife zurück, musste sich aber durch bezahlte Freundschaftsspiele an verschiedenen Stationen über rund vier Monaten quälen, ehe sie endlich wieder in Recife ankam.

Santa Cruz Futebol Clube
Gegründet: 3. Februar 1914
Trikots: schwarz-weiß-rote Hemden, weiße Hosen
Titel:
Staatsmeisterschaft: 26 Mal
Wichtige Spieler: Rivaldo, Ricardo Rocha, Zequinha
Internet: www.santacruzfc-pe.com.br

Sport Club do Recife
Gegründet: 13. Mai 1905
Trikots: rot-schwarze Hemden, schwarze Hosen
Titel:
Staatsmeisterschaft: 39 Mal
Brasilianischer Meister: 1987
Brasilianischer Pokal: 2008
Wichtige Spieler: Traçaia, Djalma Freitas, Juninho Pernambucano
Internet: www.sportrecife.com.br

Clube Náutico Capibaribe
Gegründet: 7. April 1901
Trikots: rot-weiße Hemden, weiße Hosen
Titel:
Staatsmeisterschaft: 21 Mal
Wichtige Spieler: Bita, Lúcio Surubim, Bizu

Internet: www.nauticonews.com.br

Samstag, 22. Juni 2013

Pressekonferenz Felipão

Das interessanteste Ereignis am spielfreien Freitag war die Pressekonferenz der brasilianischen Nationalmannschaft. Heute, Samstag, wird Brasilien gegen Italien im Fonte Nova Stadion in Salvador. Ich werde jedoch nach Recife weiterreisen. Wegen dem letyten Gruppenspiel sprachen die Spieler Dani Alves und Hernanes und der Trainer Felipão mit der Presse.


Die Spieler waren nicht sehr interessant. Gleich die erste Frage eines BBC-Journalisten bezog sich auf die aktuellen Demonstrationen. Dani Alves antwortete darauf nur, dass er sich nicht zu politischen Themen äußern möchte. Eine Pressekonferenz wäre nicht der Platz dafür.  Danach kamen sehr langweilige Einschätzungen zum Spiel Brasilien - Italien.
Aber mein neues Lieblingsprogramm sind Pressekonferenzen von Felipão, der nach seinen Spielern die Bühne betrat. Wie immer ist er eine Art gutgelaunter Grantler, der auch gerne mal die Journalisten direkt anspricht und Witze mit ihnen macht. Es ist klar, dass er sich in seinem Element befindet und wohl fühlt.
Gleich zum Auftakt erklärt er selber im Bezug auf das Training der Seleção in Fortaleza, bei dem er die Tore öffnen ließ, um ein paar Fans ins Stadion zu lassen: „Wir wurden dafür von der FIFA aufs Schärfste zurechtgewiesen, deswegen wird sich so ein öffentliches Training nicht wiederholen. Es ist mir wichtig, dass sie schreiben, dass das eine Bitte der FIFA und nicht der Seleção ist. Ich möchte vermeiden, dass uns vorgeworfen wird, wir wären volksfern.“ Die Aussage war wahrscheinlich politischer, als es auf den ersten Blick aussieht, denn das Verhalten der FIFA ist einer der wichtigsten Kritikpunkte der Demonstranten. Somit verstärkt er das autoritäre Bild der FIFA.


Es folgten mehrere Fragen zu den aktuellen Demonstrationen, die Felipão eigentlich nicht beantworten wollte, da es nicht sein Metier sei: „ Ich werde mich um meine Aufgaben, also den Erfolg der Seleção kümmern. Die Politiker sollen sich mit der Politik beschäftigen. Ich will ja schließlich auch nicht, dass Politiker die Nationalmannschaft aufstellen.“ Damit bezog er sich auf ein berühmtes Zitat des ehemaligen Nationaltrainers Saldanha, der damals der Militärdiktatur (1969) entgegenhielt: „Der Präsident stellt das Kabinett auf und ich die Nationalmannschaft.“
Trotzdem konnte er sich nicht zurückhalten und sagte in einem anderen Moment: „Wir Alle wollen ein Land mit Gerechtigkeit. Das gilt auch für die Leute in der Politik. Wir dürfen niemanden kreuzigen. Wir müssen gemeinsam für ein besseres Land arbeiten. Ich mache hier meinen Teil und glaube daran, dass Veränderungen möglich sind. Ich bin immer Optimist. Aber Veränderungen sind nicht immer möglich und nicht immer so schnell, wie wir es gerne hätten. Aber in 10 oder 15 Jahren wird Brasilien besser als heute sein.“


Dann wurde er gefragt, ob er es den Spielern verboten hätte über die Demonstrationen zu sprechen. Darauf antwortete Felipão: „In unserer Seleção haben alle die Freiheit sich zu äußern. Es wird niemandem der Mund verboten. Aber jeder muss auch zu seinen Haltungen stehen. Es darf nur nicht über Interna gesprochen werden. Aber bisher haben sich alle 100% korrekt verhalten.“
Schließlich kam noch eine Frage zum Thema eines Turniers im eigenen Land, auf die Trainer normaler Weise antworten, dass es ein großartiges Gefühl wäre. Nicht so Felipão: „Es ist fürchterlich für die Spieler. Sie sind in ihr Hotel eingesperrt. In anderen Ländern könnten sie hin und wieder an den Strand gehen, aber in Brasilien würden sie sofort erkannt werden. Das ist eine schwierige Situation.“
Außerdem gab er auf die Frage eines italienischen Journalisten hin zu, dass er nach der WM 2002 Kontakte zum italienischen Verband hatte und beinahe Trainer der italienischen Nationalmannschaft geworden wäre, wenn der portugiesische Verband nicht schneller gewesen wäre. Zur WM 2018 sieht er sich im Übrigen erneut in einer Trainerposition, aber nicht bei der brasilianischen Nationalmannschaft. Schließlich wurde er noch gebeten sich mit Parreira zu vergleichen. „Parreira ist so nett und gut erzogen, das schaffe ich gar nicht.“ Die Lacher hat er da auf seiner Seite.
Vom Fonte Nova Stadion gingen wir zum Restaurant „Boteco do França“ in Rio Vermelho. Es war sensationell! Wir hatten Krebs als Vorspeiße, dann Oktopus-Risotto und den Fischeintopf Moqueca, schließlich eine Schokoladentorte. Bis heute diskutieren wir welches Gericht das beste war.



Am Abend gab es auch eine Regierungserklärung der Präsidentin Dilma Rousseff. Sie ging auf die Demonstrationen ein und lobte sie als demokratisches Mittel der politischen Teilnahme, verurteilte aber Gewalt und Vandalismus. Der einprägendste Satz war: „Ich höre euch!“ Damit ging sie den Dialog ein und zeigte auch Bescheidenheit. Es wurden Maßnahmen für Transport, Gesundheit und Bildung angekündigt. Außerdem will sie sich mit den Führern der Protestbewegung treffen. Frau Rousseff schloss mit den Worten ab: „Brasilien ist das einzige Land, dass an allen WMs teilgenommen hat. Immer wurden die brasilianischen Fans freundlich empfangen. Ich bitte euch darum jetzt auch unsere Gäste gut zu empfangen.“ Für heute sind trotzdem wieder Großdemonstrationen angekündigt. 

Freitag, 21. Juni 2013

Nigeria – Uruguay 1:2


Salvador hat mich mit Regen empfangen. Trotzdem ist es sehr heiß, der Regen dauert meist auch nur fünf Minuten. Eigentlich ist gerade Nebensaison, aber wegen dem Confed Cup und den Junifesten, die im brasilianischen Nordosten sehr wichtig sind, kletterten die Hotelpreise. Am Samstag wird hier das letzte Gruppenspiel Brasiliens stattfinden, dann ist die Stadt voll. Aber zu Nigeria – Uruguay ist mein Hotel überraschend leer.  


Gestern habe ich noch kurz in Barra zu Mittag gegessen. Salvador ist wirklich eine wunderschöne Stadt. Fast überall hat man einen Blick aufs Meer. Von Barra fahre ich zum Campo Grande, um bei der Demo dabei zu sein, wie ich gestern geschildert habe. Ich habe insgesamt zwei Stunden in der Demo verbracht und bin relativ spät im Stadion angekommen. Um mich herum waren viele Fans aus Uruguay, die auch beinahe den Polizeiriegel nicht überwinden konnten.

Brasilianische Reporter waschen sich das Gas aus den Augen. Das Bild zeigt, wie rücksichtslos die Polizei vorgegangen ist.


Im Stadion habe ich dann erst mal den gestrigen Text über die Demos geschrieben. Deswegen habe ich sehr wenig vom Spiel mitbekommen, das aber scheinbar auch langweilig war. Die heimischen Fans kreierten eine Pan-Afrikanische Idee und unterstützten Nigeria (Salvador ist die brasilinische Stadt. Mit dem höchsten Anteil Afro-Brasilianer). Trotz Schwierigkeiten gelang es aber Uruguay durch Tore von Lugano und Forlan mit 2:1 zu gewinnen.


Die baianische Stadionspezialität ist der Acarajé. Es handelt sich dabei um in Palmöl frittierte Bohnenbällchen, die mit Vatapá (Erdnusscreme), Carurú (Okracreme) und getrockneten Garnelen gefüllt werden. Die Acarajés wurden zunächst von der FIFA verboten. Nach Protesten wurden sechs Verkäuferinnen ausgesucht, die dann doch verkaufen durften.


In der zweiten Halbzeit machte ich mich auf der Suche nach den Acarajés. Die ersten Ordner wussten nichts von Acarajés. Der nächste schickte mich zum Ausgang Nord, das war schon mal die richtige Richtung. Dort wurde ich dann aber falsch informiert. Andere Ordner wussten wieder von nichts, bis ich schließlich ankam. Während die Ordner in Brasilia und Belo Horizonte noch sehr kompetent waren, kann man in Salvador nur von Chaos reden. Auch meine Kollegen wurden mehrfach falsch informiert.  Schließlich fand ich aber die Acarajé-Stände und verspeiste einen für R$8. Der Preis ist ok und der Acarajé war lecker.


Nach dem Spiel kehrte ich mit dem Ballesterer-Mann Reinhard zurück nach Barra. Im Stadtteil Ondina zeigte sich uns ein Bild der Verwüstung. Müll und viel zerbrochenes Glas waren auf der Straße verstreut. Über war Polizei zu sehen und auch noch einige wenige Demonstranten. Schließlich kamen wir in Barra an, wo wir mit unserem schwedischen Kollegen Henrik zum Garnellenessen gingen. Direkt am Strand mit Meerblick. Mehrere uruguayische Fans fanden sich auch dort ein.


Freitag morgen habe ich dann Frühstücksfernsehen mit Anna Maria Braga auf TV Globo gesehen. Gestern waren richtig viele Leute auf der Straße. In Rio waren es etwa 300.000 Menschen. Ich habe den Eindruck, dass Globo jetzt zurückschlägt, denn einer Minute friedlicher Demo standen 30 Minuten Gewaltszenen gegenüber. Die Demonstranten wurden als Randaliere abgestempelt. Im Gegensatz dazu habe ich Polizeigewalt gesehen. Ich kann die Wut der Menschen verstehen.
Interessant fand ich auch, dass es scheinbar eine aktiven Ausschluss von der Gewerkschaft CUT und der Linkspartei PSTU gab. Ihre Fahnen wurden von Demonstranten zerrissen. Sie schrien: „Das vereinte Volk braucht keine Parteien.“ (O povo unido, não precisa de partido). Ganz ehrlich: Ich glaube nicht daran, dass eine Demokratie ohne Parteien funktioniert, ich halte das für einen Trugschluss. Mir scheint es eher so, dass es ein Problem Brasiliens ist, dass es keine funktionierenden Parteien gibt. Zum anderen zeigt sich hier auch wieder die Aggression gegen Vertreter von Arbeiterbewegungen. Das bestätigt meine Einschätzung, dass es sich um einen Protest der Mittelklasse handelt. Die progressive Politik der linksgerichteten PT-Regierung um Lula und Dilma hat eine so große Mittelklasse geschaffen, dass ihr das jetzt zum Verhängnis werden könnte.

Aber die PT hat reagiert. Ich habe gestern eine Presseerklärung der PT erhalten, in der zum Protest für besseren Nahverkehr aufgerufen wurde. Die PT besinnt sich ihrer Tradition und ihres Ursprungs aus den Gewerkschaften und will sich der Protestbewegung anschließen. Somit könnte eine Regierungspartei gegen sich selbst protestieren. Auch interessant.

Donnerstag, 20. Juni 2013

Proteste in Brasilien


In meinem Buch „Brasilien – Land des Fußballs“ gehe ich im Kapitel „Die olympische Stadt“ auf die wachsende Anzahl sozialer Konflikte und die damit verbundenen Vorwürfe der Korruption ein. Es scheint so, dass sich diese Konflikte jetzt zum Confed Cup stärker zugespitzt haben, als ich selber angenommen habe. Selbst deutsche Medien haben schon ausführlich über die Vorgänge berichtet.
Warum hat mich das Ausmaß überrascht? Schon seit 2004 gibt es in Rio eine Bürgervereinigung, die sich damals „Sozialkomitee des Pan“ (SKP), in Anlehnung an das Organisationskomitee der Panamerikanischen Spiele 2007, nannte. Schon damals wurde viel Geld investiert, schon damals wurden zweifelhafte Public-Private-Partnerships durchgeführt, schon damals gab es Zwangsräumungen bestimmter Armenviertel. Trotzdem erfuhr das SKP nur sehr wenig Zulauf und seine Demonstrationen wurden praktisch nicht wahrgenommen.
Dieser geringe Erfolg des SKP führte dazu, dass als Rio zur Olympiastadt ernannt wurde, mehrere Konkurrenzvereinigungen gegründet wurden. Die einen etwas bürgerlicher, die anderen eher am linken Rand des politischen Spektrums. Keine hatte wirklich Erfolg, bis sie sich zum Volkskomitee Rio WM und Olympia zusammenschlossen (http://comitepopulario.wordpress.com/, VKR). Dem VKR wurde von der breiten Öffentlichkeit als eine Gruppe linksradikaler Spinner gesehen. Trotzdem gewannen sie in den letzten Monaten mehr Aufmerksamkeit, besonders bei den Protesten gegen das Abreißen des Indianermuseums und der kleineren Stadien rund um das Maracanã. In Erinnerung ist auch der Protest bei der öffentlichen Sitzung des Landtags von Rio de Janeiro, bei dem über die Ausschreibung zur Vergabe des Maracanãs entschieden werden sollte.


Diese Aktionen konnten nicht nur die Aufmerksamkeit der lokalen Presse, sondern auch der internationalen Medien, die inzwischen in Rio waren auf sich lenken. Außerdem unterstützte das VKR bei der Bürgermeisterwahl in Rio im Oktober 2012 den Kandidaten Marcelo Freixo (Partei PSOL), der etwa 1.000.000 Stimmen, also etwa 30%, gewinnen konnte. Die PSOL ist eine kleine, relativ unbedeutende linksgerichtete Partei, die nun mit ihrer Kritik zu den Sportgroßereignissen plötzlich einen Kandidaten auf den zweiten Platz bei der Bürgermeisterwahl, in Brasiliens zweitwichtigster Stadt, bringen konnte. Ein Riesenerfolg.
Ich denke, dass waren entscheidende Momente für die Protestbewegung: die internationale Medienaufmerksamkeit und der Wahlerfolg Freixos. Dann kam in Rio und São Paulo die Bustariferhöhung nur zwei Wochen vor dem Confed Cup. Gerade in führte so eine Erhöhung schon in der Vergangenheit zu Protesten, auch oft zu Gewalttaten. Somit ist dieser Protest nicht sehr überraschend, aber, dass er dann auf das ganze Land überschwappen konnte ist neu.
Ich war beim Eröffnungsspiel in Brasilia, das zum Anlass genommen wurde, um für bessere Bildung, bessere Krankenversorgung und ein besseres Transportsystem zu demonstrieren. Die Demonstranten die ich beobachten konnte, würde ich als junge Studenten der Mittelklasse, mit Nähe zu linksgerichteten Parteien, einstufen. Ich sah besonders Fahnen der PSTU, eine dieser Parteien. So können wir auf keinen Fall vom breiten Volk sprechen. Ich konnte weder Arbeitervertreter, noch Repräsentanten der rechten Oppositionsparteien PSDB oder DEM erkennen.   
Den Demonstranten fehlte also noch der breite Rückhalt. Das ist wohl auch ein Grund, warum die Polizei im Laufe der ersten Proteste in Rio, São Paulo und Brasilia ziemlich brutal gegen die Demonstranten vorging. Sie wurden als Ausnahmeerscheinung und linke Randalierer wahrgenommen. Zum anderen habe ich aber auch mit Demonstranten gesprochen, die schon am frühen Nachmittag erklärten, sie würden versuchen ins Stadion einzudringen. Ich dachte mir „Das wird nicht gut gehen.“ Es ging nicht gut: Tränengas und Schlagstöcke waren die Konsequenz.


Aber dann passierte etwas, aus meiner Sicht, Entscheidendes für die Protestbewegung. Zur selben Zeit, bei der Eröffnung, wurde die Präsidentin Dilma Rousseff (der gemäßigten Linken PT) ausgebuht. Ganz Brasilien konnte diesen Protest sehen. Im Stadion waren nicht die Vertreter der Gewerkschaften oder linksradikaler Studentenparteien, sondern die wohlhabenden Wähler der Parteien PSDB und DEM aus der Bürgerschicht. Ich denke, dass war der Moment, an dem die Staatsgewalt ihre Autorität verloren hat und die Demonstranten auf der Straße immens an Legitimität gewannen. Der Protest schwappte aufs ganze Land über.
Die internationale Presse brauchte noch etwas Zeit, um zu entscheiden, ob es sich bei den Protesten um eine Einzelaktion handelte oder etwas Dauerhaftes. Am Sonntag und Montag gab es Demonstrationen in Rio, São Paulo, Belo Horizonte und Brasilia. Insgesamt waren mehr als 200.000 Menschen auf der Straße, denen es fast gelang die Parlamente in diesen Städten zu erstürmen. In Brasilia tanzten sie auf dem Dach des Nationalparlaments. Ab Dienstag gab es dann Demonstrationen in allen größeren Städten. In den Cup-Spielorten ging man jetzt dazu über sich so zu organisieren, so dass immer zu Spieltagen ein großer Marsch organisiert wurde.
Gestern habe ich die Nachrichten in verschiedenen TV-Kanälen verfolgt. Der Druck wurde so groß, dass selbst der Regierungsnahe Sender Globo sich nicht nur mit dem Thema beschäftigen musste, sondern auch die Demonstranten nicht einfach als linke Randalierer abstempeln konnte. Es wurde eine renommierte Professorin einer Uni Rio de Janeiros eingeladen, die sich sichtlich über die Vorgänge freute. Konkurrenzkanäle hatten die Demonstrationen schon längst entdeckt. Sie zeigten eine weiße, gut gekleidete Frau mittleren Alters, die wegen den Protesten in São Paulo im Stau stand. „Kommen sie zu spät zur Arbeit?“ „Ja, aber das macht nichts. Die Proteste sind wichtig. Ich unterstütze sie“, antwortete sie lachend. Symbolisch war so der Schulterschluss zwischen konservativem Bürgertum und progressiv-intellektuellen Linken gemacht. Die Proteste waren in einer neuen Phase angekommen.
Somit wird klar, dass es keine einheitliche Protestbewegung gibt. Da wäre manch einer wahrscheinlich erstaunt, wenn er erfahren würde, für was der andere so steht. Deutlich wird das auch an den Diskussionen, die ich mit meinen Bekannten am Montag in Belo Horizonte geführt habe.


Nach dem Spiel traf ich Marina, Silvio und Priscilla von der Uni UFMG. Wir werden von der Polizei gezwungen einen bestimmten Weg zu nehmen, der „Fanwalk“ genannt wird. Kurz vor der Avenida Antonio Carlos gehen wir in eine Kneipe. Wir bestellen ein Bier, als wir plötzlich bemerken, wie Hunderte von Polizisten zu Kreuzung abgezogen werden. Ich habe mir das natürlich angeschaut. An der Kreuzung kam es zum Aufeinandertreffen der Demonstranten und der Polizei. Als dann aber Tränengas versprüht wurde, haben die Besitzer der Bar die Nerven verloren und die Türen verrammelt. Wir waren dann drinnen gesessen. Der Dampf des Tränengases kam trotzdem durch die Ritzen rein. 
Wir tranken weiter gemütlich unser Bier. Die Brasilianer haben einfach keine Hooliganerfahrung. Irgendwann wurden die Türen wieder geöffnet, um endlich die Luft zirkulieren zu lassen. Dann begannen wir zu diskutieren.
Marina sagte: „Ich habe mehrere Blickwinkel. Zum einen halte ich die Proteste für berechtigt. Zum anderen halte ich sie für gefährlich, da sie politisch genutzt werden können, von Leuten, die ich eher nicht in der Politik sehen will. Außerdem denke ich mir: Lass die Demonstranten vorbeiziehen und es wird nichts passieren.“ 
Silvio ergänzte: „Leider haben politische Vereinigungen in Brasilien die Ideologien vernachlässigt, um ganz pragmatisch Wahlen zu gewinnen. Das ist bei diesen Demonstrationen auch der Fall.“ 
Darauf Marina: „Ich habe Angst, dass die politische Rechte sagen wird: ihr die PT, die politische Linke, die jetzt mit Dilma an der Regierung ist, ward nicht in der Lage, die WM zu organisieren.“ 
Wir zahlen. Marina wohnt gleich gegenüber. Marinas Eltern haben natürlich auch mitbekommen, was passiert ist. Als wir ankommen beginnen Marina und ihr Papa Geraldo zu diskutieren. „Demokratie heißt auch Grenzen zu respektieren. Diese Demonstranten respektieren nichts. Sie müssen in ihre Schranken gewiesen werden.“, so Geraldo.


Darauf Marina: „Aber die Demonstranten sind doch hier nicht die Starken. Wer sich hier mit Gewalt durchsetzen will ist die Polizei. Sie brauchen Grenzen.“ Geraldo ist ein alter Kämpfer von den Gewerkschaften und jetzt wahrscheinlich froh, dass die PT an der Macht ist. Er merkt wohl kaum, dass er sehr konservative Meinungen formuliert. 
Man sieht also, dass es nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch unter den Demonstranten ganz verschieden Sichtweisen gibt. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich der Fall „Feliciano“ aus dem Jahr 2012. Feliciano ist Parlamentsabgeordneter und wurde als solcher zum Präsidenten der „Ethikkommission“ gewählt. Das wäre nichts besonderes, wenn Feliciano nicht ein Pastor einer radikalen, evangelikalischen Religionsgruppe wäre und er in dieser Funktion sich schon mehrfach aggressiv gegen die Homoehe geäußert hat. Wie sollte so jemand eine Ethikkommission anführen?
Es kam zu wütenden Protesten, nicht auf der Straße, aber durch Leserbriefe. Trotzdem wurde Feliciano in seinem Amt bestätigt. Damit war für viele Bürger klar, dass im Parlament sehr Bürgerferne Entscheidungen getroffen werden. Der Vorgang wurde als undemokratisch und autoritär wahrgenommen und ist jetzt eins der Themen der Demonstranten.
Ein anderes Thema ist die PEC 37. Die Abkürzung steht für den Antrag auf eine Verfassungsänderung. Es sollen den Staatsanwälten investigative Befugnisse entnommen werden und der Polizei übertragen werden. Ich fühle mich nicht in der Lage diesen Gesetzesvorschlag zu beurteilen, aber in der Bevölkerung Brasiliens wurde er als Beschneidung von Bürgerrechten verstanden.
Schließlich gab es letztes Jahr noch den „Mensalão“-Prozess. In der ersten Regierung Lula wurde aufgedeckt, dass mehrere Parlamentier von der Regierung Geld bekamen, um mit ihr zu stimmen. Sie wurden letztes Jahr verurteilt. Bis heute ist aber niemand im Gefängnis.
Gestern bin ich dann durch die Altstadt Salvadors geschlendert. Plötzlich höre ich, wie zwei Herren mittleren Alters bei ihrem Bier auf dem Gehsteig über die Demonstrationen sprechen. Ich mische mich in das Gespräch ein. Einer sagt mir: „Natürlich ist es eine Frechheit, dass so viel Geld für die WM ausgegeben wird und wir haben keine Schulen, keine Krankenhäuser und kein Transportsystem. Jetzt wollen sie mir auch noch befehlen, wo ich entlang gehen kann. Ich wohne neben dem Fonte Nova Stadion und mehrere Straßen sind seit heute gesperrt.“
Das scheint mir wichtig zu sein. Die Brasilianer lieben Fußball und wollen die WM. Aber sie wollen sie selber ausrichten, nach eigenen Vorstellungen und natürlich Zugang haben. Die rigiden Forderungen der FIFA werden als Angriff auf die nationale Souveränität verstanden. Das ist ähnlich, wie der Verdacht, dass Nike und/oder Frankreich die WM 1998  manipuliert haben könnten. Dieser Glaube existiert in Brasilien und lässt die Emotionen hoch schlagen.


Dann frage ich ihn, ob er zu den Demonstrationen gehen wird. „Nein. Das sind doch nur Randalierer, die zerstören wollen. Das mache ich nicht.“ Die Aussage verwundert mich nicht, denn analysiert man dies Themen des Protests, so muss man sagen, dass es sich um Themen der Mittelklasse handelt: Krankenhäuser, Universitäten, Staatsanwaltschaft. Wer arbeitet hier? Genau, die jungen intellektuellen Demonstranten der Mittelschicht machen sich Hoffnungen auf diese Arbeitsstellen. Der Pastor Feliciano und seine evangelikale Kirche ist ebenso ein Vertreter der Unterschicht und wird so ein Zielobjekt der Demonstranten.
Den Demonstranten geht es freilich nicht darum das brasilianische Politiksystem zu stürzen. Es wird in europäischen Medien oft von einem „brasilianischen Frühling“ gesprochen. Das halte ich für falsch. Die Brasilianer lieben ihre Demokratie und wollen sie nicht ändern. Aber sie wollen mehr Mitspracherecht und wollen auf keinen Fall eine ausländische Einmischung, wie von der FIFA.
Heute war ich auf der Demonstration in Salvador auf dem Platz Campo Grande. Von dort führt eine Straße zur Fonte Nova hinunter. Es waren tausende Demonstranten, die sich da in Richtung Stadion in Bewegung setzten. Ich ging etwas mit ihnen und fotografierte die Plakate. Ich sah nur lachende, friedlich, junge Gesichter. Viele Mädchen. „Nicht gerade Prototypen von Rabauken.“, dachte ich mir. Es kamen immer neue Leute dazu. 


 Nach etwa 30 Minuten beschloss ich ein Taxi zu nehmen und die Demonstration zu umfahren. Als ich am Stadion ankam war die Vorhut der Demonstration schon angekommen und wurde von der Polizei etwa einen Kilometer vor dem Stadion aufgehalten. Ich gehe in die Mitte der Menge. Die Situation ist friedlich und ruhig. Ich unterhalte mich mit ein paar Demonstranten. Plötzlich geht die Menge 10 Meter nach vorne. Sofort beginnt die Polizei Tränengaspatronen zu schießen. Die Menge rennt auseinander. Mir bleibt auch nichts anders übrig als das gleiche zu tun.
Von da an kippt die Stimmung. Die Menge versucht immer wieder näher an das Stadion zu kommen, aber die Polizei dringt mit Pferden und Schildern voran. Alles was den Namen FIFA trägt wird heruntergerissen und zerstört. Ich sehe, wie Demonstranten einen Bus anhalten. „Der wird noch brennen denke ich.“ Später erfahre ich von meinem Kollegen Reinhard, dass es tatsächlich einen brennenden Bus auf dem Platz gibt. Irgendwann schaffe ich es doch, wie durch ein Wunder durch die Polizeikette zu kommen und den Weg in Richtung Stadion fortzusetzen. Hinter der Polizeikette sehe ich mehrere Kamerateams, die sich heulend das Gas aus den Augen waschen. „So kommt hier heute kein Fan zum Stadion“, denke ich mir.


Insgesamt fand ich die Polizeireaktion völlig übertrieben und unangebracht. So war das auch schon bei anderen Demos. Was genau wollen sie verteidigen? Und vor wem? Es muss den Demonstranten doch so vorkommen, dass die Polizei die FIFA-Party in Brasilien schützt und Brasilianer dazu nicht eingeladen sind. Ja, sie werden sogar explizit ausgesperrt. Deeskalation sieht anders aus.

Inzwischen wurden die Bustarife in einigen Städten wieder gesenkt. Das war auch die einfachste Maßnahme für die Politiker. Es scheint so, dass der Gesetzesvorschlag PEC 37 auch nicht mehr abgestimmt wird. Nächstes Jahr im September wird es in Brasilien Präsidentschaftswahlen geben. Die Regierung spürt schon jetzt den Druck von Links und von Rechts. Die WM nächstes Jahr ist die nächste große Bühne für Proteste. Ein Ende ist wohl vorerst nicht in Sicht.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Salvador


Die Stadt
Die ehemalige Hauptstadt Brasiliens ist eines der beliebtesten Reiseziele deutscher Touristen. Das verdankt sie einer einmaligen Kombination aus historischer Altstadt und kilometerlangen Sandstränden. Salvador liegt auf einer Halbinsel im Nordosten Brasiliens und ist vom atlantischen Ozean umgeben, was der Stadt eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Die beliebtesten Strände befinden sich in den zentrumsnahen Stadtteilen Barra und Rio Vermelho. Letzterer ist der Kiez des lokalen Nachtlebens und auch der Endpunkt des berühmten Karnevalsumzugs. Man sollte aber auch die Vororte bis Itapuã erkunden, wo der berühmte brasilianische Musiker und Poet Vinícius de Moraes lange Zeit gelebt hat.


Salvadors historische Sehenswürdigkeiten finden sich in der Altstadt Pelourinho und deren Kirchen, Restaurants und Museen. Von dort führt der Lacerda-Aufzug in die Unterstadt zum zentralen Markt. Auf ihm wurden einst aus Afrika kommende Sklaven verkauft. Deren kulturelles Erbe ist an allen Ecken und Enden der Stadt spürbar, besonders im religiösen Leben.


Afro-brasilianische Kulte wie Candomblé sind in Salvador fest verwurzelt und verfügen über diverse Kultstätten. Beeindruckend ist die im Stadtteil Ribeira gelegene Bonfim-Wallfahrtskirche, in der die Gläubigen auch Oxalá, dem obersten Gott des Candomblé huldigen. Zu den lokalen Rhythmen gehören Axé, Samba, Olodum und Pagode. Bekannt wurde der afro-brasilianische Kampftanz Capoeira mit seinen Berimbauinstrumenten, der in Salvador gelehrt und gepflegt wird.


Salvador hat heute fast drei Millionen Einwohner und ist die Hauptstadt des Bundesstaates Bahia. Das Land hat einige der schönsten Strände Brasiliens, wie zum Beispiel in Itacaré oder Ilhéus, das durch die Romane von Jorge Amado berühmt wurde. Im Süden laden gleich vier Nationalparks zum Wandern, Baden und Schnorcheln ein: Descobrimento, Monte Pascoal, Pau-Brasil und Abrolhos. Der berühmteste Nationalpark ist jedoch Chapada Diamantina im Landesinneren mit seinen Tafelbergen, Höhlen und Wasserfällen.


Auch die Küche Bahias ist afrikanisch geprägt und einzigartig in Brasilien. Hauptmerkmal ist der typische Geschmack des Dendê-Palmöls, das man zur Zubereitung der Fische und Meeresfrüchte verwendet, darunter der Fischeintopf Moqueca. Der Garneleneintopf Bobó wird mit einer Maniokmasse zubereitet. Dazu gibt es die Erdnuss-Garnelencreme Vatapá oder Carurú aus Okras und Garnelen. Einige dieser Gerichte werden von den Baianas genannten Straßenhändlerinnen in ihren weiten weißen Kleidern verkauft. An jeder Ecke und auch im Stadion bieten Baianas die Bohnenbällchen Acarajé mit scharfer Vatapáfüllung und trockenen Garnelen an. Aber Achtung: die Chilipaste in Bahia ist sehr scharf und darf daher auch abgelehnt werden.


Zum Nachtisch gibt es meistens karamellisierte Kokosstückchen. Typische Früchte der Region sind Umbu, Mangaba und Jenipapo. Die lokalen Eisdielen haben diese in ihre Sortimente aufgenommen. Es gibt sie auch als frisch gepressten Saft.

Der Fußball
Dokumente belegen, dass in Salvador schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts Fußball gespielt wurde. Wie in anderen brasilianischen Metropolen waren es auch in Bahia Studenten, die von einem Europaaufenthalt Bälle und Regelwerk mit in die Heimat brachten. Das erste Spiel ist aus dem Jahr 1901 überliefert. 1904 wurde der lokale Fußballverband gegründet. Eines der Gründungsmitglieder war der Sport Club Victoria, der aus einem Cricketverein hervorging und heute unter dem Namen Esporte Clube Vitória einer der beiden großen Vereine der Stadt ist.


Vitória wurde von Söhnen wohlhabender Familien aus dem Stadtteil Barra gegründet, die eigentlich Rudern und Cricket bevorzugten. Zunächst gewann man nur wenige Titel. Das änderte sich erst, als 1986 auf einer ehemaligen Müllhalde in einem bescheidenen Vorort das Stadion Barradão errichtet wurde. Die Fahrt dorthin ist zwar mühsam, aber seitdem Vitória dort spielt beherrscht man den regionalen Fußball.
Salvador ist die fünfte Stadt mit einem Vertreter im „Clube dos 13“. Dabei handelt es sich um den EC Bahia, Vitórias großen Rivalen. Als zu Beginn der 1930er Jahre mehrere Vereine wegen der Umstrukturierung des brasilianischen Fußballs ihre Pforten schlossen, gründeten einige vereinslose Spieler den EC Bahia und gaben ihm den Slogan „Zum Gewinnen geboren“. Der Klub wurde zum Team des Volkes und dominierte mehr als 50 Jahre lang den Fußball Bahias. Die Krönung waren zwei brasilianische Meistertitel 1959 und 1988.


Danach ging es jedoch bergab, und 2007 fand man sich bereits auf nationalem Niveau in der dritten Liga wieder. Nachdem am 25. November 2007 während eines Spiels Teile der Tribüne des Fonte-Nova-Stadions eingestürzt waren und sieben Bahia-Fans in den Tod gerissen wurden wurde das Stadion abgerissen. An selber Stelle entstand das neue WM-Stadion Fonte Nova, das verkehrsgünstig in der Innenstadt gleich neben der Altstadt Pelourinho liegt.
 
Esporte Clube Vitória
Gegründet: 13. Mai 1899
Trikots: rot-schwarze Hemden, schwarze Hosen
Titel:
Staatsmeisterschaft: 26 Mal
Wichtige Spieler: Vampeta, Bebeto, Allan Dellon
Internet: www.ecvitoria.com.br


Esporte Clube Bahia
Gegründet: 1. Januar 1931
Trikots: weiß-blau-rote Hemden, blaue Hosen
Titel:
Staatsmeisterschaft: 44 Mal
Brasilianischer Meister: 1959, 1988
Wichtige Spieler: Beijoca, Baiaco, Biriba, Bobô
Internet: www.esporteclubebahia.com.br