Ich bin in meiner letzten Station, Recife, angekommen. Mein Flug von Salvador nach Recife war genau wöhrend des Spiels Brasilien - Italien 4:2. Der Pilot hat immer wieder die Zwischenstände vermeldet. Nach dem Schlußpfiff sagte er: "Glückwunsch an uns alle". Jetzt aber zur Städtbeschreibung Recifes.
Die Stadt
1535 gründeten die Portugiesen die Stadt Olinda, von wo aus sie das Land
Pernambuco verwalteten. 1630 wurde die Region als Holländisch-Brasilien von den
Holländern besetzt, die ihre Hauptstadt in den benachbarten Mangroven
errichteten und ihr den Namen Mauritsstad gaben. 1654 wurde Pernambuco von den
Portugiesen zurückerobert und Mauritsstad in Recife („Riff“) umbenannt.
Seitdem ist Recife das bei weitem bedeutendere Zentrum der beiden – vor
allem wegen seines Hafens. Im Stadtzentrum kann man historische Gebäude wie das
Zollhaus, den Markt oder die Docks besuchen, die Recifes Wandel dokumentieren.
Die 1,5 Millionen-Einwohner-Metropole ist ein brodelndes Zentrum mit
abwechslungsreichem Kulturleben, das sich vor allem auf den Halbinseln zwischen
dem Capibaribe- und dem Beberibe-Flüssen abspielt. Außer Theater, Kirchen und
Museen locken dort Musikveranstaltungen mit den lokalen Rhythmen Frevo und
Maracatu, die besonders den Karneval begleiten.
Recifes Zentrum platzt allerdings aus allen Nähten und versinkt täglich im
Verkehrschaos. Dazu kommt, dass die Stadt bei Regen schnell mal unter Wasser
steht, weil das Wasser bei Flut nicht ins Meer ablaufen kann – eine Folge der
meeresnahen Bauweise der Holländer. Die Regenzeit fällt im Übrigen exakt in die
WM-Monate Juni und Juli.
Erst in den 1950er Jahren wurde der Bereich entlang des Boa-Viagem-Strandes
erschlossen und zum Oberschichtviertel. Leider ist der Strand seit dem Bau des
Großhafens Suape mit Haien verseucht. Fast monatlich gibt es Attacken auf
Surfer, und so sollte das Wasser lieber gemieden werden. Stattdessen lohnt sich
ein Besuch der Museen Instituto Brennand und Oficina Brennand oder des Museums
des Nordostens.
Die leicht zu erreichende historische Altstadt von Olinda gehört zum
UNESCO-Weltkulturerbe. Im Gegensatz zu Recife ist das Leben in Olinda
beschaulich und ruhig. Man kann gemütlich zwischen der portugiesischen
Kolonialarchitektur flanieren, eine der unzähligen barocken Kirchen besuchen
oder die lokalen Ateliers durchstöbern. Olinda ist außerdem eine interessante
Alternative wenn die Hotels in Recife ausgebucht sind.
Die Küche Pernambucos ähnelt der in anderen Gegenden des Nordostens. Im
Küstenbereich werden viele Meeresfrüchtegerichte gereicht, in erster Linie
Garnelen und Krebse (Caranguejo). Spektakulär ist Camarão na Moranga – das ist
ein mit Garnelen gefüllter ganzer Kürbis. Im Landesinneren sind getrocknetes
Fleisch (Carne Seca oder Carne de Sol), Maniok und Coalhokäse beliebt. Bohnen
werden hier mit dem Maxixe-Gemüse zubereitet. Typisch für Pernambuco ist
Arrumadinho aus getrocknetem Fleisch, Maniokmehl und Bohnen. Dazu wird Butter
in Flaschen gereicht. Außerdem gibt es viele Gerichte aus Innereien, wie
Sarapatel, Ziegenmagen (Buchada de Bode) oder Huhn in Blutsauce (Frango
Cabidela).
Ein weiteres Kennzeichen der Küche Pernambucos ist der Bolo de Rolo, ein
gerollter Kuchen mit Guavenmarmelade. Unbedingt probieren sollte man auch die
Queijadinha - ein Nachtisch aus Käse und Guaven – sowie die getrockneten
Cajúfrüchte. Auch die Tapioca-Pfannkuchen aus Maniokstärke dürfen natürlich
nicht fehlen.
Der Fußball
Die drei großen Vereine Recifes Santa Cruz, Sport und Náutico
haben jeweils eigene Stadien inmitten von zentrumsnahen Wohnvierteln, weshalb
das Verkehrschaos an Spieltagen noch vergrößert wird. Das neue WM-Stadion wird
jedoch rund 30 Kilometer außerhalb der Stadt gebaut, womit das Stauproblem
minimiert wird.
Das WM-Stadion wird nach dem Turnier von Náutico gemietet, einem der
ältesten Fußballvereine Pernambucos, der 1901 von deutschen und englischen
Migranten gegründet wurde. Bis heute gilt der Verein als Klub der Mittel- und
Oberschicht. In den 1970er Jahren verpflichtete man bei einem Jamaica-Ausflug
mit Alan Cole einen Freund von Bob Marley. Cole schoss aber zu wenig Tore und
rauchte zu viel Marijuana, weshalb man sich nach kurzer Zeit wieder von ihm trennte.
Die Heimspiele des Vereins werden bis zur Eröffnung des WM-Stadions im
Aflitosstadion ausgetragen.
Da sich Náutico zu seiner Gründerzeit ausschließlich
Wassersportarten wie Rudern widmete, stand man dem Fußball eher skeptisch
gegenüber. Als Guilherme Fonseca eine Fußballausrüstung von seinem
Studienaufenthalt in Cambridge mitbrachte, fand er daher kein Gehör bei Náutico
und gründete den Klub Sport, der sich zum erfolgreichsten Klub
Pernambucos mauserte. Das Stadion von Sport, die Ilha do Retiro, war 1950
Schauplatz des WM-Spiels zwischen Chile und den USA (5:2).
Heute ist Santa Cruz der populärste Verein der Stadt. Obwohl man die
letzten Jahre nur in der dritten oder vierten Liga verbrachte, verbucht Santa
Cruz in seinem Stadion Arruda den höchsten Zuschauerschnitt Brasiliens!
1943 unternahm der Klub Santa Cruz eine berühmte Rundreise durch Brasiliens
Norden, die heute „Selbstmordausflug“ genannt wird. Sie wurde während des
Zweiten Weltkriegs durchgeführt, als das Passagierschiff ständig von U-Booten
bedroht war. In der Amazonasregion wurden zudem mehrere Spieler von
Tropenkrankheiten befallen, denen der Torwart zum Opfer fiel. Daraufhin wollte
die Mannschaft umgehend nach Recife zurück, musste sich aber durch bezahlte
Freundschaftsspiele an verschiedenen Stationen über rund vier Monaten quälen,
ehe sie endlich wieder in Recife ankam.
Das interessanteste Ereignis am spielfreien Freitag
war die Pressekonferenz der brasilianischen Nationalmannschaft. Heute, Samstag,
wird Brasilien gegen Italien im Fonte Nova Stadion in Salvador. Ich werde
jedoch nach Recife weiterreisen. Wegen dem letyten Gruppenspiel sprachen die
Spieler Dani Alves und Hernanes und der Trainer Felipão mit der Presse.
Die Spieler waren nicht sehr interessant. Gleich die
erste Frage eines BBC-Journalisten bezog sich auf die aktuellen
Demonstrationen. Dani Alves antwortete darauf nur, dass er sich nicht zu
politischen Themen äußern möchte. Eine Pressekonferenz wäre nicht der Platz
dafür. Danach kamen sehr langweilige
Einschätzungen zum Spiel Brasilien - Italien.
Aber mein neues Lieblingsprogramm sind
Pressekonferenzen von Felipão, der nach seinen Spielern die Bühne betrat. Wie
immer ist er eine Art gutgelaunter Grantler, der auch gerne mal die
Journalisten direkt anspricht und Witze mit ihnen macht. Es ist klar, dass er
sich in seinem Element befindet und wohl fühlt.
Gleich zum Auftakt erklärt er selber im Bezug auf
das Training der Seleção in Fortaleza, bei dem er die Tore öffnen ließ, um ein
paar Fans ins Stadion zu lassen: „Wir wurden dafür von der FIFA aufs Schärfste
zurechtgewiesen, deswegen wird sich so ein öffentliches Training nicht
wiederholen. Es ist mir wichtig, dass sie schreiben, dass das eine Bitte der
FIFA und nicht der Seleção ist. Ich möchte vermeiden, dass uns vorgeworfen
wird, wir wären volksfern.“ Die Aussage war wahrscheinlich politischer, als es auf
den ersten Blick aussieht, denn das Verhalten der FIFA ist einer der
wichtigsten Kritikpunkte der Demonstranten. Somit verstärkt er das autoritäre
Bild der FIFA.
Es folgten mehrere Fragen zu den aktuellen
Demonstrationen, die Felipão eigentlich nicht beantworten wollte, da es nicht
sein Metier sei: „ Ich werde mich um meine Aufgaben, also den Erfolg der Seleção
kümmern. Die Politiker sollen sich mit der Politik beschäftigen. Ich will ja
schließlich auch nicht, dass Politiker die Nationalmannschaft aufstellen.“ Damit
bezog er sich auf ein berühmtes Zitat des ehemaligen Nationaltrainers Saldanha,
der damals der Militärdiktatur (1969) entgegenhielt: „Der Präsident stellt das
Kabinett auf und ich die Nationalmannschaft.“
Trotzdem konnte er sich nicht zurückhalten und sagte
in einem anderen Moment: „Wir Alle wollen ein Land mit Gerechtigkeit. Das gilt
auch für die Leute in der Politik. Wir dürfen niemanden kreuzigen. Wir müssen
gemeinsam für ein besseres Land arbeiten. Ich mache hier meinen Teil und glaube
daran, dass Veränderungen möglich sind. Ich bin immer Optimist. Aber
Veränderungen sind nicht immer möglich und nicht immer so schnell, wie wir es
gerne hätten. Aber in 10 oder 15 Jahren wird Brasilien besser als heute sein.“
Dann wurde er gefragt, ob er es den Spielern
verboten hätte über die Demonstrationen zu sprechen. Darauf antwortete Felipão:
„In unserer Seleção haben alle die Freiheit sich zu äußern. Es wird niemandem
der Mund verboten. Aber jeder muss auch zu seinen Haltungen stehen. Es darf nur
nicht über Interna gesprochen werden. Aber bisher haben sich alle 100% korrekt
verhalten.“
Schließlich kam noch eine Frage zum Thema eines
Turniers im eigenen Land, auf die Trainer normaler Weise antworten, dass es ein
großartiges Gefühl wäre. Nicht so Felipão: „Es ist fürchterlich für die
Spieler. Sie sind in ihr Hotel eingesperrt. In anderen Ländern könnten sie hin
und wieder an den Strand gehen, aber in Brasilien würden sie sofort erkannt
werden. Das ist eine schwierige Situation.“
Außerdem gab er auf die Frage eines italienischen Journalisten
hin zu, dass er nach der WM 2002 Kontakte zum italienischen Verband hatte und
beinahe Trainer der italienischen Nationalmannschaft geworden wäre, wenn der
portugiesische Verband nicht schneller gewesen wäre. Zur WM 2018 sieht er sich
im Übrigen erneut in einer Trainerposition, aber nicht bei der brasilianischen
Nationalmannschaft. Schließlich wurde er noch gebeten sich mit Parreira zu
vergleichen. „Parreira ist so nett und gut erzogen, das schaffe ich gar nicht.“
Die Lacher hat er da auf seiner Seite.
Vom Fonte Nova Stadion gingen wir zum Restaurant „Boteco
do França“ in Rio Vermelho. Es war sensationell! Wir hatten Krebs als
Vorspeiße, dann Oktopus-Risotto und den Fischeintopf Moqueca, schließlich eine
Schokoladentorte. Bis heute diskutieren wir welches Gericht das beste war.
Am Abend gab es auch eine Regierungserklärung der
Präsidentin Dilma Rousseff. Sie ging auf die Demonstrationen ein und lobte sie
als demokratisches Mittel der politischen Teilnahme, verurteilte aber Gewalt
und Vandalismus. Der einprägendste Satz war: „Ich höre euch!“ Damit ging sie
den Dialog ein und zeigte auch Bescheidenheit. Es wurden Maßnahmen für
Transport, Gesundheit und Bildung angekündigt. Außerdem will sie sich mit den
Führern der Protestbewegung treffen. Frau Rousseff schloss mit den Worten ab: „Brasilien
ist das einzige Land, dass an allen WMs teilgenommen hat. Immer wurden die
brasilianischen Fans freundlich empfangen. Ich bitte euch darum jetzt auch
unsere Gäste gut zu empfangen.“ Für heute sind trotzdem wieder
Großdemonstrationen angekündigt.
Salvador hat mich mit Regen empfangen. Trotzdem ist
es sehr heiß, der Regen dauert meist auch nur fünf Minuten. Eigentlich ist
gerade Nebensaison, aber wegen dem Confed Cup und den Junifesten, die im
brasilianischen Nordosten sehr wichtig sind, kletterten die Hotelpreise. Am
Samstag wird hier das letzte Gruppenspiel Brasiliens stattfinden, dann ist die
Stadt voll. Aber zu Nigeria – Uruguay ist mein Hotel überraschend leer.
Gestern habe ich noch kurz in Barra zu Mittag
gegessen. Salvador ist wirklich eine wunderschöne Stadt. Fast überall hat man
einen Blick aufs Meer. Von Barra fahre ich zum Campo Grande, um bei der Demo
dabei zu sein, wie ich gestern geschildert habe. Ich habe insgesamt zwei
Stunden in der Demo verbracht und bin relativ spät im Stadion angekommen. Um
mich herum waren viele Fans aus Uruguay, die auch beinahe den Polizeiriegel
nicht überwinden konnten.
Brasilianische Reporter waschen sich das Gas aus den
Augen. Das Bild zeigt, wie rücksichtslos die Polizei vorgegangen ist.
Im Stadion habe ich dann erst mal den gestrigen Text
über die Demos geschrieben. Deswegen habe ich sehr wenig vom Spiel mitbekommen,
das aber scheinbar auch langweilig war. Die heimischen Fans kreierten eine
Pan-Afrikanische Idee und unterstützten Nigeria (Salvador ist die brasilinische
Stadt. Mit dem höchsten Anteil Afro-Brasilianer). Trotz Schwierigkeiten gelang
es aber Uruguay durch Tore von Lugano und Forlan mit 2:1 zu gewinnen.
Die baianische Stadionspezialität ist der Acarajé.
Es handelt sich dabei um in Palmöl frittierte Bohnenbällchen, die mit Vatapá
(Erdnusscreme), Carurú (Okracreme) und getrockneten Garnelen gefüllt werden. Die
Acarajés wurden zunächst von der FIFA verboten. Nach Protesten wurden sechs
Verkäuferinnen ausgesucht, die dann doch verkaufen durften.
In der zweiten Halbzeit machte ich mich auf der
Suche nach den Acarajés. Die ersten Ordner wussten nichts von Acarajés. Der
nächste schickte mich zum Ausgang Nord, das war schon mal die richtige
Richtung. Dort wurde ich dann aber falsch informiert. Andere Ordner wussten
wieder von nichts, bis ich schließlich ankam. Während die Ordner in Brasilia
und Belo Horizonte noch sehr kompetent waren, kann man in Salvador nur von
Chaos reden. Auch meine Kollegen wurden mehrfach falsch informiert. Schließlich fand ich aber die Acarajé-Stände
und verspeiste einen für R$8. Der Preis ist ok und der Acarajé war lecker.
Nach dem Spiel kehrte ich mit dem Ballesterer-Mann
Reinhard zurück nach Barra. Im Stadtteil Ondina zeigte sich uns ein Bild der
Verwüstung. Müll und viel zerbrochenes Glas waren auf der Straße verstreut.
Über war Polizei zu sehen und auch noch einige wenige Demonstranten.
Schließlich kamen wir in Barra an, wo wir mit unserem schwedischen Kollegen
Henrik zum Garnellenessen gingen. Direkt am Strand mit Meerblick. Mehrere
uruguayische Fans fanden sich auch dort ein.
Freitag morgen habe ich dann Frühstücksfernsehen mit
Anna Maria Braga auf TV Globo gesehen. Gestern waren richtig viele Leute auf
der Straße. In Rio waren es etwa 300.000 Menschen. Ich habe den Eindruck, dass
Globo jetzt zurückschlägt, denn einer Minute friedlicher Demo standen 30
Minuten Gewaltszenen gegenüber. Die Demonstranten wurden als Randaliere
abgestempelt. Im Gegensatz dazu habe ich Polizeigewalt gesehen. Ich kann die
Wut der Menschen verstehen.
Interessant fand ich auch, dass es scheinbar eine
aktiven Ausschluss von der Gewerkschaft CUT und der Linkspartei PSTU gab. Ihre
Fahnen wurden von Demonstranten zerrissen. Sie schrien: „Das vereinte Volk
braucht keine Parteien.“ (O povo unido, não precisa de partido). Ganz ehrlich:
Ich glaube nicht daran, dass eine Demokratie ohne Parteien funktioniert, ich
halte das für einen Trugschluss. Mir scheint es eher so, dass es ein Problem
Brasiliens ist, dass es keine funktionierenden Parteien gibt. Zum anderen zeigt
sich hier auch wieder die Aggression gegen Vertreter von Arbeiterbewegungen.
Das bestätigt meine Einschätzung, dass es sich um einen Protest der
Mittelklasse handelt. Die progressive Politik der linksgerichteten PT-Regierung
um Lula und Dilma hat eine so große Mittelklasse geschaffen, dass ihr das jetzt
zum Verhängnis werden könnte.
Aber die PT hat reagiert. Ich habe gestern eine
Presseerklärung der PT erhalten, in der zum Protest für besseren Nahverkehr
aufgerufen wurde. Die PT besinnt sich ihrer Tradition und ihres Ursprungs aus
den Gewerkschaften und will sich der Protestbewegung anschließen. Somit könnte
eine Regierungspartei gegen sich selbst protestieren. Auch interessant.
In meinem Buch „Brasilien – Land des Fußballs“ gehe
ich im Kapitel „Die olympische Stadt“ auf die wachsende Anzahl sozialer
Konflikte und die damit verbundenen Vorwürfe der Korruption ein. Es scheint so,
dass sich diese Konflikte jetzt zum Confed Cup stärker zugespitzt haben, als
ich selber angenommen habe. Selbst deutsche Medien haben schon ausführlich über
die Vorgänge berichtet.
Warum hat mich das Ausmaß überrascht? Schon seit
2004 gibt es in Rio eine Bürgervereinigung, die sich damals „Sozialkomitee des
Pan“ (SKP), in Anlehnung an das Organisationskomitee der Panamerikanischen
Spiele 2007, nannte. Schon damals wurde viel Geld investiert, schon damals
wurden zweifelhafte Public-Private-Partnerships durchgeführt, schon damals gab
es Zwangsräumungen bestimmter Armenviertel. Trotzdem erfuhr das SKP nur sehr
wenig Zulauf und seine Demonstrationen wurden praktisch nicht wahrgenommen.
Dieser geringe Erfolg des SKP führte dazu, dass als
Rio zur Olympiastadt ernannt wurde, mehrere Konkurrenzvereinigungen gegründet
wurden. Die einen etwas bürgerlicher, die anderen eher am linken Rand des
politischen Spektrums. Keine hatte wirklich Erfolg, bis sie sich zum
Volkskomitee Rio WM und Olympia zusammenschlossen (http://comitepopulario.wordpress.com/, VKR). Dem VKR wurde von der breiten
Öffentlichkeit als eine Gruppe linksradikaler Spinner gesehen. Trotzdem
gewannen sie in den letzten Monaten mehr Aufmerksamkeit, besonders bei den
Protesten gegen das Abreißen des Indianermuseums und der kleineren Stadien rund
um das Maracanã. In Erinnerung ist auch der Protest bei der öffentlichen
Sitzung des Landtags von Rio de Janeiro, bei dem über die Ausschreibung zur
Vergabe des Maracanãs entschieden werden sollte.
Diese Aktionen konnten nicht nur die Aufmerksamkeit
der lokalen Presse, sondern auch der internationalen Medien, die inzwischen in
Rio waren auf sich lenken. Außerdem unterstützte das VKR bei der
Bürgermeisterwahl in Rio im Oktober 2012 den Kandidaten Marcelo Freixo (Partei
PSOL), der etwa 1.000.000 Stimmen, also etwa 30%, gewinnen konnte. Die PSOL ist
eine kleine, relativ unbedeutende linksgerichtete Partei, die nun mit ihrer Kritik
zu den Sportgroßereignissen plötzlich einen Kandidaten auf den zweiten Platz
bei der Bürgermeisterwahl, in Brasiliens zweitwichtigster Stadt, bringen
konnte. Ein Riesenerfolg.
Ich denke, dass waren entscheidende Momente für die
Protestbewegung: die internationale Medienaufmerksamkeit und der Wahlerfolg
Freixos. Dann kam in Rio und São Paulo die Bustariferhöhung nur zwei Wochen vor
dem Confed Cup. Gerade in führte so eine Erhöhung schon in der Vergangenheit zu
Protesten, auch oft zu Gewalttaten. Somit ist dieser Protest nicht sehr
überraschend, aber, dass er dann auf das ganze Land überschwappen konnte ist
neu.
Ich war beim Eröffnungsspiel in Brasilia, das zum
Anlass genommen wurde, um für bessere Bildung, bessere Krankenversorgung und
ein besseres Transportsystem zu demonstrieren. Die Demonstranten die ich beobachten
konnte, würde ich als junge Studenten der Mittelklasse, mit Nähe zu
linksgerichteten Parteien, einstufen. Ich sah besonders Fahnen der PSTU, eine
dieser Parteien. So können wir auf keinen Fall vom breiten Volk sprechen. Ich
konnte weder Arbeitervertreter, noch Repräsentanten der rechten Oppositionsparteien
PSDB oder DEM erkennen.
Den Demonstranten fehlte also noch der breite
Rückhalt. Das ist wohl auch ein Grund, warum die Polizei im Laufe der ersten
Proteste in Rio, São Paulo und Brasilia ziemlich brutal gegen die Demonstranten
vorging. Sie wurden als Ausnahmeerscheinung und linke Randalierer wahrgenommen.
Zum anderen habe ich aber auch mit Demonstranten gesprochen, die schon am
frühen Nachmittag erklärten, sie würden versuchen ins Stadion einzudringen. Ich
dachte mir „Das wird nicht gut gehen.“ Es ging nicht gut: Tränengas und
Schlagstöcke waren die Konsequenz.
Aber dann passierte etwas, aus meiner Sicht,
Entscheidendes für die Protestbewegung. Zur selben Zeit, bei der Eröffnung, wurde die Präsidentin Dilma Rousseff (der gemäßigten Linken PT) ausgebuht. Ganz
Brasilien konnte diesen Protest sehen. Im Stadion waren nicht die Vertreter der
Gewerkschaften oder linksradikaler Studentenparteien, sondern die wohlhabenden
Wähler der Parteien PSDB und DEM aus der Bürgerschicht. Ich denke, dass war der
Moment, an dem die Staatsgewalt ihre Autorität verloren hat und die
Demonstranten auf der Straße immens an Legitimität gewannen. Der Protest
schwappte aufs ganze Land über.
Die internationale Presse brauchte noch etwas Zeit,
um zu entscheiden, ob es sich bei den Protesten um eine Einzelaktion handelte
oder etwas Dauerhaftes. Am Sonntag und Montag gab es Demonstrationen in Rio,
São Paulo, Belo Horizonte und Brasilia. Insgesamt waren mehr als 200.000
Menschen auf der Straße, denen es fast gelang die Parlamente in diesen Städten
zu erstürmen. In Brasilia tanzten sie auf dem Dach des Nationalparlaments. Ab
Dienstag gab es dann Demonstrationen in allen größeren Städten. In den
Cup-Spielorten ging man jetzt dazu über sich so zu organisieren, so dass immer zu
Spieltagen ein großer Marsch organisiert wurde.
Gestern habe ich die Nachrichten in verschiedenen
TV-Kanälen verfolgt. Der Druck wurde so groß, dass selbst der Regierungsnahe
Sender Globo sich nicht nur mit dem Thema beschäftigen musste, sondern auch die
Demonstranten nicht einfach als linke Randalierer abstempeln konnte. Es wurde
eine renommierte Professorin einer Uni Rio de Janeiros eingeladen, die sich
sichtlich über die Vorgänge freute. Konkurrenzkanäle hatten die Demonstrationen
schon längst entdeckt. Sie zeigten eine weiße, gut gekleidete Frau mittleren
Alters, die wegen den Protesten in São Paulo im Stau stand. „Kommen sie zu spät
zur Arbeit?“ „Ja, aber das macht nichts. Die Proteste sind wichtig. Ich
unterstütze sie“, antwortete sie lachend. Symbolisch war so der Schulterschluss
zwischen konservativem Bürgertum und progressiv-intellektuellen Linken gemacht.
Die Proteste waren in einer neuen Phase angekommen.
Somit wird klar, dass es keine einheitliche
Protestbewegung gibt. Da wäre manch einer wahrscheinlich erstaunt, wenn er
erfahren würde, für was der andere so steht. Deutlich wird das auch an den
Diskussionen, die ich mit meinen Bekannten am Montag in Belo Horizonte geführt
habe.
Nach dem Spiel
traf ich Marina, Silvio und Priscilla von der Uni UFMG. Wir werden von der
Polizei gezwungen einen bestimmten Weg zu nehmen, der „Fanwalk“ genannt wird.
Kurz vor der Avenida Antonio Carlos gehen wir in eine Kneipe. Wir bestellen ein
Bier, als wir plötzlich bemerken, wie Hunderte von Polizisten zu Kreuzung abgezogen
werden. Ich habe mir das natürlich angeschaut. An der Kreuzung kam es zum
Aufeinandertreffen der Demonstranten und der Polizei. Als dann aber Tränengas
versprüht wurde, haben die Besitzer der Bar die Nerven verloren und die Türen
verrammelt. Wir waren dann drinnen gesessen. Der Dampf des Tränengases kam
trotzdem durch die Ritzen rein.
Wir tranken
weiter gemütlich unser Bier. Die Brasilianer haben einfach keine
Hooliganerfahrung. Irgendwann wurden die Türen wieder geöffnet, um endlich die
Luft zirkulieren zu lassen. Dann begannen wir zu diskutieren.
Marina sagte: „Ich
habe mehrere Blickwinkel. Zum einen halte ich die Proteste für berechtigt. Zum
anderen halte ich sie für gefährlich, da sie politisch genutzt werden können,
von Leuten, die ich eher nicht in der Politik sehen will. Außerdem denke ich
mir: Lass die Demonstranten vorbeiziehen und es wird nichts passieren.“
Silvio ergänzte:
„Leider haben politische Vereinigungen in Brasilien die Ideologien
vernachlässigt, um ganz pragmatisch Wahlen zu gewinnen. Das ist bei diesen
Demonstrationen auch der Fall.“
Darauf Marina: „Ich
habe Angst, dass die politische Rechte sagen wird: ihr die PT, die politische Linke,
die jetzt mit Dilma an der Regierung ist, ward nicht in der Lage, die WM zu
organisieren.“
Wir zahlen.
Marina wohnt gleich gegenüber. Marinas Eltern haben natürlich auch mitbekommen,
was passiert ist. Als wir ankommen beginnen Marina und ihr Papa Geraldo zu
diskutieren. „Demokratie heißt auch Grenzen zu respektieren. Diese
Demonstranten respektieren nichts. Sie müssen in ihre Schranken gewiesen
werden.“, so Geraldo.
Darauf Marina: „Aber
die Demonstranten sind doch hier nicht die Starken. Wer sich hier mit Gewalt
durchsetzen will ist die Polizei. Sie brauchen Grenzen.“ Geraldo ist ein
alter Kämpfer von den Gewerkschaften und jetzt wahrscheinlich froh, dass die PT
an der Macht ist. Er merkt wohl kaum, dass er sehr konservative Meinungen
formuliert.
Man sieht also,
dass es nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch unter den Demonstranten
ganz verschieden Sichtweisen gibt. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich der Fall
„Feliciano“ aus dem Jahr 2012. Feliciano ist Parlamentsabgeordneter und wurde
als solcher zum Präsidenten der „Ethikkommission“ gewählt. Das wäre nichts
besonderes, wenn Feliciano nicht ein Pastor einer radikalen, evangelikalischen
Religionsgruppe wäre und er in dieser Funktion sich schon mehrfach aggressiv
gegen die Homoehe geäußert hat. Wie sollte so jemand eine Ethikkommission
anführen?
Es kam zu wütenden Protesten, nicht auf der Straße,
aber durch Leserbriefe. Trotzdem wurde Feliciano in seinem Amt bestätigt. Damit
war für viele Bürger klar, dass im Parlament sehr Bürgerferne Entscheidungen
getroffen werden. Der Vorgang wurde als undemokratisch und autoritär
wahrgenommen und ist jetzt eins der Themen der Demonstranten.
Ein anderes Thema ist die PEC 37. Die Abkürzung
steht für den Antrag auf eine Verfassungsänderung. Es sollen den Staatsanwälten
investigative Befugnisse entnommen werden und der Polizei übertragen werden.
Ich fühle mich nicht in der Lage diesen Gesetzesvorschlag zu beurteilen, aber
in der Bevölkerung Brasiliens wurde er als Beschneidung von Bürgerrechten
verstanden.
Schließlich gab es letztes Jahr noch den
„Mensalão“-Prozess. In der ersten Regierung Lula wurde aufgedeckt, dass mehrere
Parlamentier von der Regierung Geld bekamen, um mit ihr zu stimmen. Sie wurden
letztes Jahr verurteilt. Bis heute ist aber niemand im Gefängnis.
Gestern bin ich dann durch die Altstadt Salvadors
geschlendert. Plötzlich höre ich, wie zwei Herren mittleren Alters bei ihrem
Bier auf dem Gehsteig über die Demonstrationen sprechen. Ich mische mich in das
Gespräch ein. Einer sagt mir: „Natürlich ist es eine Frechheit, dass so viel
Geld für die WM ausgegeben wird und wir haben keine Schulen, keine
Krankenhäuser und kein Transportsystem. Jetzt wollen sie mir auch noch
befehlen, wo ich entlang gehen kann. Ich wohne neben dem Fonte Nova Stadion und
mehrere Straßen sind seit heute gesperrt.“
Das scheint mir wichtig zu sein. Die Brasilianer
lieben Fußball und wollen die WM. Aber sie wollen sie selber ausrichten, nach eigenen
Vorstellungen und natürlich Zugang haben. Die rigiden Forderungen der FIFA
werden als Angriff auf die nationale Souveränität verstanden. Das ist ähnlich,
wie der Verdacht, dass Nike und/oder Frankreich die WM 1998 manipuliert haben könnten. Dieser Glaube
existiert in Brasilien und lässt die Emotionen hoch schlagen.
Dann frage ich ihn, ob er zu den Demonstrationen
gehen wird. „Nein. Das sind doch nur Randalierer, die zerstören wollen. Das
mache ich nicht.“ Die Aussage verwundert mich nicht, denn analysiert man dies
Themen des Protests, so muss man sagen, dass es sich um Themen der Mittelklasse
handelt: Krankenhäuser, Universitäten, Staatsanwaltschaft. Wer arbeitet hier?
Genau, die jungen intellektuellen Demonstranten der Mittelschicht machen sich
Hoffnungen auf diese Arbeitsstellen. Der Pastor Feliciano und seine
evangelikale Kirche ist ebenso ein Vertreter der Unterschicht und wird so ein
Zielobjekt der Demonstranten.
Den Demonstranten geht es freilich nicht darum das brasilianische
Politiksystem zu stürzen. Es wird in europäischen Medien oft von einem
„brasilianischen Frühling“ gesprochen. Das halte ich für falsch. Die
Brasilianer lieben ihre Demokratie und wollen sie nicht ändern. Aber sie wollen
mehr Mitspracherecht und wollen auf keinen Fall eine ausländische Einmischung,
wie von der FIFA.
Heute war ich auf der Demonstration in Salvador auf
dem Platz Campo Grande. Von dort führt eine Straße zur Fonte Nova hinunter. Es
waren tausende Demonstranten, die sich da in Richtung Stadion in Bewegung
setzten. Ich ging etwas mit ihnen und fotografierte die Plakate. Ich sah nur
lachende, friedlich, junge Gesichter. Viele Mädchen. „Nicht gerade Prototypen
von Rabauken.“, dachte ich mir. Es kamen immer neue Leute dazu.
Nach etwa 30
Minuten beschloss ich ein Taxi zu nehmen und die Demonstration zu umfahren. Als
ich am Stadion ankam war die Vorhut der Demonstration schon angekommen und
wurde von der Polizei etwa einen Kilometer vor dem Stadion aufgehalten. Ich
gehe in die Mitte der Menge. Die Situation ist friedlich und ruhig. Ich
unterhalte mich mit ein paar Demonstranten. Plötzlich geht die Menge 10 Meter
nach vorne. Sofort beginnt die Polizei Tränengaspatronen zu schießen. Die Menge
rennt auseinander. Mir bleibt auch nichts anders übrig als das gleiche zu tun.
Von da an kippt die Stimmung. Die Menge versucht
immer wieder näher an das Stadion zu kommen, aber die Polizei dringt mit
Pferden und Schildern voran. Alles was den Namen FIFA trägt wird
heruntergerissen und zerstört. Ich sehe, wie Demonstranten einen Bus anhalten. „Der
wird noch brennen denke ich.“ Später erfahre ich von meinem Kollegen Reinhard,
dass es tatsächlich einen brennenden Bus auf dem Platz gibt. Irgendwann schaffe
ich es doch, wie durch ein Wunder durch die Polizeikette zu kommen und den Weg
in Richtung Stadion fortzusetzen. Hinter der Polizeikette sehe ich mehrere
Kamerateams, die sich heulend das Gas aus den Augen waschen. „So kommt hier
heute kein Fan zum Stadion“, denke ich mir.
Insgesamt fand ich die Polizeireaktion völlig
übertrieben und unangebracht. So war das auch schon bei anderen Demos. Was
genau wollen sie verteidigen? Und vor wem? Es muss den Demonstranten doch so
vorkommen, dass die Polizei die FIFA-Party in Brasilien schützt und Brasilianer
dazu nicht eingeladen sind. Ja, sie werden sogar explizit ausgesperrt. Deeskalation
sieht anders aus.
Inzwischen wurden die Bustarife in einigen Städten
wieder gesenkt. Das war auch die einfachste Maßnahme für die Politiker. Es
scheint so, dass der Gesetzesvorschlag PEC 37 auch nicht mehr abgestimmt wird.
Nächstes Jahr im September wird es in Brasilien Präsidentschaftswahlen geben.
Die Regierung spürt schon jetzt den Druck von Links und von Rechts. Die WM
nächstes Jahr ist die nächste große Bühne für Proteste. Ein Ende ist wohl
vorerst nicht in Sicht.
Die ehemalige Hauptstadt Brasiliens ist eines der beliebtesten Reiseziele
deutscher Touristen. Das verdankt sie einer einmaligen Kombination aus
historischer Altstadt und kilometerlangen Sandstränden. Salvador liegt auf
einer Halbinsel im Nordosten Brasiliens und ist vom atlantischen Ozean umgeben,
was der Stadt eine gewisse Leichtigkeit verleiht. Die beliebtesten Strände
befinden sich in den zentrumsnahen Stadtteilen Barra und Rio Vermelho.
Letzterer ist der Kiez des lokalen Nachtlebens und auch der Endpunkt des
berühmten Karnevalsumzugs. Man
sollte aber auch die Vororte bis Itapuã erkunden, wo der berühmte
brasilianische Musiker und Poet Vinícius de Moraes lange Zeit gelebt hat.
Salvadors historische Sehenswürdigkeiten finden sich in der Altstadt Pelourinho und deren Kirchen, Restaurants
und Museen. Von dort führt der Lacerda-Aufzug in die Unterstadt zum zentralen
Markt. Auf ihm wurden einst aus Afrika kommende Sklaven verkauft. Deren
kulturelles Erbe ist an allen Ecken und Enden der Stadt spürbar, besonders im
religiösen Leben.
Afro-brasilianische Kulte wie Candomblé sind in Salvador fest verwurzelt
und verfügen über diverse Kultstätten. Beeindruckend ist die im Stadtteil
Ribeira gelegene Bonfim-Wallfahrtskirche, in der die Gläubigen auch Oxalá, dem
obersten Gott des Candomblé huldigen. Zu den lokalen Rhythmen gehören Axé,
Samba, Olodum und Pagode. Bekannt wurde der afro-brasilianische Kampftanz
Capoeira mit seinen Berimbauinstrumenten, der in Salvador gelehrt und gepflegt
wird.
Salvador hat heute fast drei Millionen Einwohner und ist die Hauptstadt des
Bundesstaates Bahia. Das Land hat einige der schönsten Strände Brasiliens, wie
zum Beispiel in Itacaré oder Ilhéus, das durch die Romane von Jorge Amado
berühmt wurde. Im Süden laden gleich vier Nationalparks zum Wandern, Baden und
Schnorcheln ein: Descobrimento, Monte Pascoal, Pau-Brasil und Abrolhos. Der
berühmteste Nationalpark ist jedoch Chapada Diamantina im Landesinneren mit
seinen Tafelbergen, Höhlen und Wasserfällen.
Auch die Küche Bahias ist afrikanisch geprägt und einzigartig in Brasilien.
Hauptmerkmal ist der typische Geschmack des Dendê-Palmöls, das man zur
Zubereitung der Fische und Meeresfrüchte verwendet, darunter der Fischeintopf
Moqueca. Der Garneleneintopf Bobó wird mit einer Maniokmasse zubereitet. Dazu
gibt es die Erdnuss-Garnelencreme Vatapá oder Carurú aus Okras und Garnelen.
Einige dieser Gerichte werden von den Baianas genannten Straßenhändlerinnen in
ihren weiten weißen Kleidern verkauft. An jeder Ecke und auch im Stadion bieten
Baianas die Bohnenbällchen Acarajé mit scharfer Vatapáfüllung und trockenen
Garnelen an. Aber Achtung: die Chilipaste in Bahia ist sehr scharf und darf
daher auch abgelehnt werden.
Zum Nachtisch gibt es meistens karamellisierte Kokosstückchen. Typische
Früchte der Region sind Umbu, Mangaba und Jenipapo. Die lokalen Eisdielen haben
diese in ihre Sortimente aufgenommen. Es gibt sie auch als frisch gepressten
Saft.
Der Fußball
Dokumente belegen, dass in Salvador schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Fußball gespielt wurde. Wie in anderen brasilianischen Metropolen waren es auch
in Bahia Studenten, die von einem Europaaufenthalt Bälle und Regelwerk mit in
die Heimat brachten. Das erste Spiel ist aus dem Jahr 1901 überliefert. 1904
wurde der lokale Fußballverband gegründet. Eines der Gründungsmitglieder war
der Sport Club Victoria, der aus einem Cricketverein hervorging und
heute unter dem Namen Esporte Clube Vitória einer der beiden großen
Vereine der Stadt ist.
Vitória wurde von Söhnen
wohlhabender Familien aus dem Stadtteil Barra gegründet, die eigentlich Rudern
und Cricket bevorzugten. Zunächst gewann man nur wenige Titel. Das änderte sich
erst, als 1986 auf einer ehemaligen Müllhalde in einem bescheidenen Vorort das
Stadion Barradão errichtet wurde. Die Fahrt dorthin ist zwar mühsam, aber
seitdem Vitória dort spielt beherrscht man den regionalen Fußball.
Salvador ist die fünfte Stadt mit einem Vertreter im „Clube dos 13“. Dabei
handelt es sich um den EC Bahia, Vitórias großen Rivalen. Als zu Beginn
der 1930er Jahre mehrere Vereine wegen der Umstrukturierung des brasilianischen
Fußballs ihre Pforten schlossen, gründeten einige vereinslose Spieler den EC
Bahia und gaben ihm den Slogan „Zum Gewinnen geboren“. Der Klub wurde zum
Team des Volkes und dominierte mehr als 50 Jahre lang den Fußball Bahias. Die
Krönung waren zwei brasilianische Meistertitel 1959 und 1988.
Danach ging es jedoch bergab, und 2007 fand man sich bereits auf nationalem
Niveau in der dritten Liga wieder. Nachdem am 25. November 2007 während eines Spiels
Teile der Tribüne des Fonte-Nova-Stadions eingestürzt waren und sieben
Bahia-Fans in den Tod gerissen wurden wurde das Stadion abgerissen. An selber
Stelle entstand das neue WM-Stadion Fonte Nova, das verkehrsgünstig in der
Innenstadt gleich neben der Altstadt Pelourinho liegt.