Samstag, 8. Dezember 2012

Warum bleibt Neymar in Brasilien?


Es tut sich was im brasilianischen Profifußball. Darüber wurde in den letzten Wochen auch in der deutschen Presse berichtet: http://www.11freunde.de/artikel/warum-neymar-und-co-brasilien-bleiben und http://www.zeit.de/sport/2012-11/brasilien-fussball-seedorf-neymar/komplettansicht.
In beiden Artikeln wird über die verbesserte finanzielle Situation der ersten brasilianischen Liga, die nun schon als die sechst reichste der Welt, nach den Big 5 aus Europa, gilt. Folge und Indikator dieser Veränderung wäre eine Zunahme an international bekannten Stars in den brasilianischen Mannschaften und besonders der Verbleib des Talents Neymar bei Santos.
Im Prinzip stimme ich mit der Beobachtung überein, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen Europa und Brasilien zu Gunsten der Südamerikaner verändert, wenn auch nur langsam. Aber ich denke es müssen einige Informationen zurecht gerückt werden.
Es mag viele verwundern, aber die berühmten brasilianischen Erstligaklubs sind alle tief verschuldet. Am schlechtesten sind die Bilanzen bei Flamengo und Fluminense, die dem Fiskus über R$100 Millionen (€40 Millionen) schulden. Das ist der Grund für - sagen wir - kreative Finanzierungsmethoden. Kein Sponsor kann einem Verein direkt Geld aufs Konto überweisen, denn das würde sofort vom Staat fiskiert werden. Deshalb sind Fußballsponsoren dazu übergegangen indirekte Finanzierungswege zu finden. So bezahlte zum Beispiel eine große Brauerei die Renovierung des Restaurants und der Bar im Vereinsheim von Fluminense. Die Gelder flossen direkt auf das Konto der Baufirma.

Quelle: http://esporte.uol.com.br/futebol/ultimas-noticias/2012/12/08/clubes-da-serie-a-do-campeonato-brasileiro-de-2012-devem-juntos-mais-de-r-2-bilhoes.htm

Ähnlich geht man bei der Bezahlung von Stars wie Ronaldinho Gaúcho, Seedorf, Fred oder Neymar vor. Diese Spieler sind eigentlich bei Sponsoren und nicht bei Vereinen unter Vertrag. Man könnte also auch sagen, dass nicht brasilianische Fußballverein sondern brasilianische Unternehmen reicher geworden sind.
Außerdem muss man sich fragen, welchen sportlichen Wert diese Spieler haben und was das über das Niveau der Liga aussagt. Sicherlich die Liste der Stars ist heutzutage lang: Zé Roberto, Forlan, D´Allesandro, Luis Fabiano, Neymar, Ronaldinho Gaúcho, Fred, Deco, Thiago Neves, Wagner Love, Liedson, Seedorf, Juninho Pernambucano, Robinho und auch Ronaldo Fenômeno, Roberto Carlos. Aber ganz ehrlich, außer Neymar sind das alles alternde Ex-Stars, die in Europa niemand mehr haben will, die aber in Brasilien noch einen guten Preis erzielen. Selbst Robinho war zu einer Rückkehr zu Santos gezwungen, als er bei Manchester City aussortiert wurde. Seedorf, als einziger Europäer in der Liste, hat sich aus familiären Gründen zu dem Schritt nach Brasilien entschieden, da seine Frau Brasilianerin ist.
Neymar ist der einzige Sonderfall in dieser Liste. Er ist jung und wird von vielen Klubs in Europa angefragt. Er wurde zu einem Ausdruck des brasilianischen Nationalgefühls des „Schönen Spiels“. Das ist der Grund, dass seine Sponsoren so tief in die Tasche greifen und ihn in Brasilien halten. Denn so können sie – die Sponsoren und nicht die Klubs – in einem expandierenden Markt Geschäfte machen.
Die Brasilianer lieben ihre Altstars, denn sie sind tatsächlich die besten Spieler in der Liga. Das spricht aber eher gegen die Meisterschaft, denn wie kann es sein, dass Spieler, die in Europa ausrangiert wurden, zu Leistungsträgern werden? Das heißt doch, dass das Leistungsniveau in Brasilien bedenklich ist.
Viele Brasilianer haben das auch bemerkt und verfolgen europäische Ligen im Fernsehen. Es gibt sogar schon Fanklubs von Barcelona, Real und Milan. Denn die sogenannte „Neue Mittelklasse“ Brasiliens könnte sich nicht nur die Eintrittspreise für die heimische Liga leisten, sondern auch die Pay-per-View Pakete aus Europa. Im Allgemeinen ist der brasilianische Fußballfan sehr gut über die Big 5 informiert. Der Zuschauerschnitt liegt weiterhin bei 13.000, das etwa 42% Auslastung entspricht: http://globoesporte.globo.com/futebol/brasileirao-serie-a/publico-brasileirao.html. Das heißt die Leute investieren ihr Geld eben nicht in Spiele in heimische Stadien, sondern in TV-Spiele mit den brasilianischen Stars Kaká, Hulk, Pato, Robinho, Thiago Silva, Marcelo, David Luiz, Luiz Gustavo, Dante oder auch Stars anderer Nationalitäten, wie Messi, Ronaldo und Schweinsteiger, in europäischen Mannschaften.
Es könnte also sein, dass wir gerade den Beginn grundsätzlicher Veränderungen der Finanzstruktur und der Qualität der brasilianischen Fußballiga beobachten. Aber es fehlt noch viel, um diesen Wandel tatsächlich zu vollziehen. 

1 Kommentar:

Markus Horn hat gesagt…

Dieser Trend zur "Globalisierung" ist auch in Europa festzustellen, besonders in Ländern, in denen die besten Spieler, ähnlich wie in Brasilien, der heimischen Meisterschaft sehr früh den Rücken kehren. Aus eigener Anschauung kenne ich das aus Portugal, einem fußballverrückten Land mit drei nationalen Tageszeitungen, die sich ausschließlich dem Thema Fußball widmen.
Ein Erstligaverein wie Beira-Mar bringt es dort in den bislang ausgetragenen sechs Heimspielen der laufenden Saison gerade mal auf insgesamt (!) 9.731 Zuschauer. Gleichzeitig werden in den Restaurants, die in Portugal praktisch alle über mehrere Fernseher für Fußballübertragungen verfügen, fast ausschließlich Partien der Premier League oder der Primeira División gezeigt. Der normale Fan interessiert sich neben den "großen Drei" (Benfica, Sporting, Porto) heute viel mehr für Real Madrid oder Manchester United, als eben beispielsweise für Beira-Mar.