Sonntag, 10. Februar 2013
Donnerstag, 7. Februar 2013
England – Brasilien, 2:1; London, Wembley
Felipão
feierte seinen Einstand als neuer (alter) Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft
mit einer Niederlage gegen England in Wembley vor 87.000 Zuschauern. Ich habe
das Spiel nicht gesehen und analysiere deswegen die brasilianische Presse. Insgesamt
wird die Niederlage nicht so tragisch eingestuft, denn in Wembley kann man
verlieren.
Hauptdiskussionspunkt
war die Berufung von Ronaldinho Gaúcho, der von Mano Menezes weitgehend
ignoriert wurde. Die Fans verbanden mit seiner Rückkehr die Hoffnung auf ein
sehenswertes Spiel, gerade im Doppel mit Neymar. Was aber passiert ist, ist,
dass beide schlecht gespielt haben und Ronaldinho sogar einen Elfmeter
verschossen hat.
Brasilianer
projezieren auf Ronaldinho Gaúcho den ewigen Wunsch nach dem „schönen Spiel“
und artistischen Einlagen. Ich bin ja der Meinung, dass das letzte gute Spiel von
ihm bei der WM 2002 stattgefunden hat. Seitdem hat er sich mehr um Werbegags
und anderen Firlefanz, als um Fussball gekümmert. Ich verstehe nicht ganz was
die Leute in ihm sehen.
Auch
diesmal hatte er scheinbar ein arrogantes Auftreten und riss nach dem
Elfeterpfiff den Ball an sich, obwohl das in den letzten Spielen immer die
Aufgabe von Neymar war. Brasilianische Beobachter beschuldigen jetzt
Ronaldinho, er habe das schwache Auftreten von Neymar zu verantworten. Denn wie
ist es möglich, dass er in Brasilien glänzt und in London verblasst?
Auch
hier denke ich, dass Neymar gnadelos überschätzt wird. Er hat sicherlich
Talent, aber er spielt halt im Moment gegen Linense, Oeste oder Mirassol und
nicht gegen Barça, Bayern oder Manchester. Trotzdem hoffe ich, dass die
Erfahrung aus dem Englandspiel endlich den Abschied Ronaldinhos bedeuted und jüngere
Spieler den Vorzug erhalten.
Hier
noch eine Zusammenfassung des Spiels. Kurz vor dem Elfmeter sprechen Neymar und
Ronaldinho tatsächlich kurz miteinander. Oder besser, Ronaldinho gibt zu
verstehen, dass es keinen Gesprächsbedarf gibt.
BRASILIEN: Julio Cesar; Daniel Alves, David Luiz, Dante e
Adriano; Ramires, Paulinho, Oscar e Ronaldinho Gaúcho; Neymar e Luís Fabiano.
Madureira und Che Guevara
In den 1950er und 1960er Jahren war es üblich, dass brasilianische Mannschaften Auslandsreisen unternahmen, um damit Geld zu verdienen. Besonders nach den WM-Titel 58 und 62 scheint das ein lukratives Geschäft gewesen zu sein. Davon konnten nicht nur die großen, sondern auch unbekannte Klubs, wie Madureira, profitieren. Madureira gilt sogar als der brasilianische Verein, der die längste Reise unternommen hat: 36 Spiele in 144 Tagen. Dabei wurde 1961 Europa, Asien und die USA besucht.
Von späteren Reisen existieren kuriose Fotos, so zum Beispiel von Madureiras Kuba-Aufenthalt 1963:
Man sieht die Spieler mit dem damaligen Minister für Industrie Kubas Che Guevara.
1964 hat Madureira dann China bereist. Auf dem Foto schüttelt Major Chen Yi die Hände der Spieler.
Von späteren Reisen existieren kuriose Fotos, so zum Beispiel von Madureiras Kuba-Aufenthalt 1963:
Quelle:
madureiraec.com.br/wp/historia/
Man sieht die Spieler mit dem damaligen Minister für Industrie Kubas Che Guevara.
1964 hat Madureira dann China bereist. Auf dem Foto schüttelt Major Chen Yi die Hände der Spieler.
Sonntag, 3. Februar 2013
Madureira – Audax, 1:2
Der Zug rattert durch Rios Vororte.
Und weiter geht es mit meinen Erkundungen in Rios
Nordzone. Diesmal ist der Stadtteil Madureira dran, indem sich zwei
Sambaschulen befinden: Portela und Império Serrano. Beide öffnen an Sonntagen
schon zum Mittagessen, wobei nur ein Gericht auf der Speisekarte steht:
Feijoada – der Bohneneintopf ist Brasiliens Nationalgericht. Eine Woche vor
Karneval ist der Besuch in einer Sambaschule Pflicht, deshalb mache ich mit Leda
und Carol aus, uns in der Império Serrano zu treffen.
Mit dem Zug komme ich um 14.00h in der 40 Grad Hitze
Madureiras an. Wir kaufen Eintrittskarten für R$5 und begeben uns ins Innere
der Halle der Sambaschule. Dort ist es sogar überraschend kühl. Zu so früher
Stunde ist noch nicht viel los und es verlieren sich nur ein paar
Alteingesessene, mit ihren Familien, in der weiten Halle. Auf der Bühne spielt
eine Sambaband mit einem unglaublich schlechten Sound, bedenkt man, dass der
Ort für Musikveranstaltungen gedacht ist. Wir kaufen für sozialverträgliche
R$15 Gutscheine für unsere Feijoada. Dazu gibt es einen Eimer Bier mit sechs
Dosen.
Feijoada wird aus Bohnen, Reis, verschiedenen
Fleischsorten, Maniokmehl (Farofa), Kohl und Orangen zubereitet. Dazu wäre etwas
Chilisauce und ein Caipirinha gut, was aber leider beides nicht angeboten wird.
Trotzdem ist die Feijoada sehr gut, nur etwas schwer, besonders bei der Hitze.
Man kann sich kaum vorstellen, dass man danach noch Samba tanzen kann. Das ist
sowieso nicht unser Plan. Wir verlassen die Sambaschule, um uns zum Stadion von
Madureira zu begeben, dass sich gleich auf der anderen Seite der Zuglinie
befindet.
Im Stadion ist es unglaublich heiß. Die Feijoada
schlägt jetzt so richtig auf den Magen und ich versuche mich mit Kaffe wieder
aufzurichten. Die sympathische Heimmannschaft empfängt heute den
Ausbildungsverein Audax. Das wird eine harte Nuss. Die Mannschaft von Audax hat
sich nach den Anfangsschwierigkeiten bei dem Spiel gegen Olaria gefunden und
spielt inzwischen aus einer sehr kontrollierten Betonabwehr heraus gezielte und
rasche Angriffe. Das ist genau das Rezept, das auch heute gezeigt wird.
Schon in der ersten Halbzeit erscheint mir Audax
überlegen. In der zweiten gelingen der Gastmannschaft dann rasch die beiden
Tore zu einer sicheren Führung. „Jetzt wird es schwer.“, denke ich mir. Zu der
taktischen Überlegenheit kommt auch noch eine etwas chaotische
Schiedsrichterleistung. Der Unparteiische hat es bei keiner Auswechslung
geschafft einen Spieler geregelt vom Platz gehen zu lassen und dann den
Auswechselspieler auf den Rasen zu rufen. Den Spielern von Audax ist diese
Unkonzentriertheit schnell aufgefallen und sie nutzten sie für gekonntes
Zeitspiel. In der letzen Aktion des Spiels gelingt dann aber doch noch der
Ehrentreffer für Madureira.
Tante Raquel schenkt mir Maracuja-Saft ein.
Beim Verlassen des Stadions treffe ich den
Hardcore-Fan Igor. „Ich fand das Spiel gar nicht so schlecht.“, erzählt er mir.
„Aber leider konnten wir die gute Leistung vergangener Spiele nicht
wiederholen. Jetzt gehe ich erst mal heim und trinke ein Bier, um mich zu
beruhigen. Am Mittwoch muss ich wieder fit sein zum Auswärtsspiel in Duque de
Caxias!“ Ich wünsche viel Glück und suche meinen Weg zum Bahnhof, um die
Rückreise anzutreten.
Donnerstag, 31. Januar 2013
Grêmio – LDU, 1:0 (5:4, nE) / Fluminense – Friburguense, 2:2
Eigentlich wollte ich mit meinem Freund Lugui das
Spiel Fluminense – Friburguense in einer Kneipe im Stadtteil Tijuca anschauen. Aber
zeitgleich stürzte die Brüstung des nagelneuen Stadions von Grêmio in Porto
Alegre bei der Qualifikation zum Libertadores Pokal ein. 10 Fans verletzten
sich dabei. Somit wurde dieser Zwischenfall zum Ereignis des Tages.
Aber der Reihe nach. Der Varnhagen-Platz in der
Tijuca ist voller Kneipen, von denen mehrere auf großen Bildschirmen Fußballspiele
zeigen, um Publikum anzulocken. Ich treffe mich mit Lugui und wir beschließen
uns in der rappelvollen „Bar do Bom“ niederzulassen. In ihr sind insgesamt vier
Fernseher angebracht, die jedoch so über den Tischen hängen, dass es schwer ist
auf sie zu schauen. Ich sehe mich um und bemerke, dass es sich nicht um ein
Fußballpublikum handelt. An der Wand links von mir befinden sich vier
Tischgruppen nebeneinander, an denen nur Mädchen sitzen. Sie ignorieren das
Geschehen auf den Bildschirmen komplett.
Während die Kneipen am Varnhagen-Platz bestens
besucht sind, sieht man auf den Bildschirmen die leeren Ränge des Engenhão-Stadion.
2.800 Fans wollten das Spiel sehen. Die Diskussion um die Entwertung der
Staatsmeisterschaften ist deswegen weiter in vollem Gange. Juca Kfouri schreibt
in seiner Kolumne, dass der Regionalpokal der Nordostregion im Schnitt 7.000
Fans anlockt, während die São Paulo-Meisterschaft nur ein Mittel von 5.000 Zuschauern
vorweisen kann. In Rio
de Janeiro schreibt Sergio du Bocage, dass das Derby Paysandu (3. Liga) – Remo
(4. Liga) in der Stadt Belém in der Amazonasregion von 41.000 Fans gesehen
wurde, während beim Derby Fluminense (Brasilianischer Meister) – Botafogo (1.
Liga) nur 11.000 Zuschauer anwesend waren.
Ich bemerke rechts von mir einen Fluminense-Fan,
aber selbst er bittet bei Anpfiff um die Rechnung. Lugui und ich beschließen
die lokale Spezialität „Kroketten“ zu probieren. Kroketten werden in Brasilien
aus Fleisch gemacht und als deutsche Spezialität angesehen. Die „Bar do Bom“ macht
diese Kroketten in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Ich entdecke die Version
aus „Wasserschwein“ (Das größte Nagetier der Welt. Sicherlich exotisch.) und
Lugui bestellt Rind mit Käse. Die Kroketen sind außen krokant und haben innen
eine feingemahlene Fleischpaste. Der Geschmack begeistert mich nicht, besonders
weil nicht klar ist, was die da in den Fleischwolf geworfen haben. Die
Fleischpaste erinnert eher an Babynahrung.
Das Bier gibt’s im Eimer.
Zur Halbzeit steht es 0:0 bei Fluminense und bei Grêmio.
Außerdem spielt auch noch São Paulo um den Einzug in den Libertadores Pokal,
hat aber das Hinspiel 5:0 gewonnen und konnte sich so eine 3:4 Niederlage in La
Paz gegen Bolivar leisten. Hier war die Spannung draußen. Lugui und ich
beschließen die Bar zu wechseln. Wir gehen gleich nebenan in die Buxixo Kneipe.
Auch sie hat mehrere Fernseher an der Wand befestigt, die heute ignoriert
werden. Ich bestelle eine kräftige Bohnensuppe mit Käsehaube und ein Bier.
In der zweiten Halbzeit beginnt Fluminense sich zu
blamieren und Friburguense geht 2:0 in Führung. Plötzlich werden Bilder aus
Porto Alegre gezeigt. „Lugui, schau mal, da ist was in Porto Alegre passiert.“.
Es werden Verletzte gezeigt, die aus dem Stadion getragen werden. Aber man
versteht nicht was wirklich passiert ist. Inzwischen weiß ich, dass die Fans
von Grêmio beim 1:0 ihres Vereins die berühmte „Lawine“, also ein gemeinsames
Herunterrennen zur Brüstung, gemacht haben. Aber die neue Brüstung hat nicht
standgehalten und so sind 10 Fans in den dahinterliegenden Graben gestürzt. Hier
Aufzeichnungen:
„Mist“, denke ich mir, „Jetzt beginnt wieder diese
unsägliche Sicherheitsdebatte.“ Im neuen Stadion von Grêmio wurden, entgegen
dem Trend die Stehplätze, sogar ohne Wellenbrecher, erhalten, um die „Lawine“
zu ermöglichen. Aber scheinbar hat man vergessen die Brüstung resistent genug
zu machen. Die Schuld wird jetzt sicherlich wieder den Fans und nicht den
Ingenieuren in die Schuhe geschoben. Ganz abgesehen davon, dass nichts passiert
wäre, wenn da kein Graben gebaut worden wäre. Leider sind Gräben zwischen
Publikum und Rasen in Brasilien Pflicht, da man eine panische Angst vor „Pitch
Invasions“ hat.
Man kann nur hoffen, dass Grêmio sich von dieser
Diskussion nicht in die Irre führen lässt und die Stehplätze beibehält. Die „Lawine“
ist eine Tradition in Porto Alegre und wurde auch im alten Stadion tausendfach
durchgeführt. Dort hat die Brüstung gehalten und nie hat sich jemand verletzt. Die
Konsequenz muss also sein, dass die Brüstung verbessert und am Besten der
Graben zugeschüttet wird.
Grêmio gewinnt schließlich im Elfmeterschießen und
trifft im Libertadores Pokal auf Fluminense. Der brasilianische Meister schafft
noch glücklich den 2:2 Ausgleich gegen Friburguense. Hier die Spiele:
Grêmio - LDU:
Fluminense - Friburguense:
Sonntag, 27. Januar 2013
Nova Iguaçu – Duque de Caxias, 3:0
Pünktlich 15.00h gehe ich durch die Schwingtüren der
Bar Brasil, die früher einmal Bar Berlin hieß, in der Lapa und treffe meine Mitstreiterinnen
Leda und Carol. Wir trinken noch ein Bier und begeben uns dann zu Carols Auto,
um in die Stadt Nova Iguaçu zu fahren. Sie liegt in der Peripherie Rio de
Janeiros, die Baixada – Flachland -genannt wird. Etwa eine Stunde sind wir auf
der Stadtautobahn unterwegs. Durchgehen ziehen Häuser an uns vorbei, so dass
man gar nicht merkt wann eine Stadt aufhört und wann die nächste beginnt. Den
Ausfahrtsschildern zu Folge passieren wir die Städte Duque de Caxias, São João
de Meriti und Belford Roxo, bis endlich die Ausfahrt Nova Iguaçu kommt.
Schon kurz nach der Ausfahrt erleuchtet das ganz in orange
gehaltene Stadion des heimischen FC, der heute das Derby der Baixada gegen den
Duque de Caxias FC austragen wird. Gleichzeitig wird das auch das Duell der „Roten
Laternen“, denn beide Vereine sind Tabellenletzter in ihrer jeweiligen Gruppe.
Das Stadion „Laranjão” macht zunächst einen sehr
abweisenden Eindruck. Die durchgehende orangene Mauer wirkt eher wie eine
Festung. Am Eingang ist ein Schild befestigt, mit dem Hinweiß „Zugang für
bewaffnete Personen verboten“. Hinter dem Stadion öffnen sich jedoch die weiten
Trainingsplätze und das eigentliche Vereinsgelände. Der Nova Iguaçu FC ist kein
allgemeindienlicher Klub, sondern wurde 1990 von einer Gruppe von Unternehmern
gegründet, um Spieler auszubilden und an ihrem Verkauf zu verdienen.
Deswegen findet man hier, weit entfernt von dem
Glamour der Copacabana, perfekte Trainingsmöglichkeiten, um eine Profikarriere
zu starten. Es gibt ein Spielerinternat, Räume für Ärzte und Physiotherapeuten,
Fitnessstudio und ein Schwimmbad. In der Mitte wurde eine kleine Kantine und
ein Fanshop errichtet, in dem man das knallorangene Trikot und Havaianas
erstehen kann.
Im Gegensatz dazu macht das Stadion einen sehr
improvisierten Eindruck. Für Nova Iguaçu FC wäre es am besten, wenn man nur
einen Platz bräuchten, von dem aus man die Spiele ins Internet überträgt, um so
seine Spieler interessierten Käufern zu präsentieren. Aber der lokale
Fußballverband hat mit Zwangsabstieg gedroht und so den Verein dazu gezwungen,
ein Stadion zu bauen. Notdürftig wurde eine Heim- und eine Auswärtstribüne
errichtet, die insgesamt 3.000 Personen Platz bieten. Der Rest wurde mit
Bretterverschlägen versteckt. Die Pressetribüne ist ein Türmchen mit
Wellblechdach, ohne Klimaanlage und genau im Winkel der untergehenden Sonne.
Der Verein verdient sein Geld mit dem Spielerverkauf
und nicht mit seinen Fans. Trotzdem treffe ich in der Kantine den Fanklub
Manguaçu mit seinem Sprecher André. Er erklärt mir: „Ich erwarte heute einen
deutlichen Sieg. Wir müssen aus dem Tabellenkeller raus und unsere Mannschaft
ist stärker als Duque de Caxias. Wir müssen unsere Heimspiele gegen die kleinen
Vereine gewinnen. Gegen die Großen wird es schwer.“ „Hast du noch einen anderen
Klub?“, frage ich. „Nein, wir sind hier nur Nova Iguaçu. Und das von
Kindesbeinen an. Ein anderer Klub kommt nicht in Frage.“ „Naja“, denke ich mir,
„damals war der Verein noch gar nicht gegründet“. Aber lassen wir es so stehen.
Das Spiel wurde von Abwehrfehlern bestimmt. Zur
Halbzeit hätte es gut und gerne 4:4 oder 5:5 stehen können. Aber die Stürmer von
Duque de Caxias machten nichts aus ihren Chancen und so gingen die Mannschaften
mit einem 2:0 für Nova Iguaçu in die Kabinen. In der zweiten Halbzeit flachte
das Spiel ab. Nova Iguaçu beschränkte sich aufs Verteidigen und Konter. Bis
dann die Nummer 26 eingewechselt wurde und zu unserer Freude noch ein paar
Zauberstückchen aufführte. Eines führte zum 3:0 Endstand für die Hausherren.
Andrés Jungs versuchten das ganze Spiel über die
wenigen Zuschauer anzufeuern, was nicht wirklich gelang. Zur zweiten Halbzeit
kam noch ein zweiter Fanklub „Garra Iguaçuana“ – Die Klauen – auf die Tribüne.
Seine Mitglieder sind etwa 15-jährige Jugendliche, die gewartet haben, bis sie
umsonst eingelassen wurden. Sie machten etwas mehr Party. Nach Schlusspfiff
treten Leda, Carol und ich unter strömendem Regen, die Rückreise an.
Am Sonntagabend erwartet Rio de Janeiro den ersten
großen Klassiker des Jahres zwischen Botafogo und Fluminense. Die Vereine haben
sich auf eine erneute Eintrittserhöhung geeinigt. Der billigste Platz kostet
jetzt 60 Real (etwa 22 Euro)! Das Spiel wird da wohl leider wieder vor leeren
Rängen stattfinden.
Donnerstag, 24. Januar 2013
Vasco – Macaé, 4:2
Alle
Jahre wieder wird über Sinn und Unsinn der Staatsmeisterschaften diskutiert.
Die Verteidiger heben die historische Bedeutung dieser Wettbewerbe hervor.
Immerhin wird die São Paulo-Meisterschaft seit 1901 und die Riomeisterschaft seit
1906 ausgetragen. Zum anderen stellen sie die einzige Möglichkeit für kleinere
Teams dar, Spielpraxis zu bekommen.
Die
Gegner beklagen jedoch den aufgeblähten Spielplan – brasilianische Spitzenteams
kommen auf bis zu 80 Spiele pro Saison -, den zweifelhaften sportlichen Wert
und die Verzerrung des Sportkalenders im Vergleich zu anderen Ligen Amerikas
und Europas. Der renommierte brasilianische Journalist Juca Kfouri, ein
erklärter Gegner der Staatsmeiterschaften, führt in seiner Kolumne vom Montag
an, dass am letzten Wochenende die Spiele der vier Großen in Rio zusammen auf lediglich
18.000 Zuschauer kamen. Es scheint also, dass sich auch die Fans nicht wirklich
für diese Meisterschaft interessieren.
Die vier
Großen spielen vorerst mit angezogener Handbremse, um sich zu schonen. Der Meister
Fluminense schickte ein B-Team seiner Jugendmannschaft aufs Feld. Die erste
Mannschaft soll sich für die viel wichtigere Copa Libertadores schonen. Vasco
und Flamengo stecken in der Krise. Sie mussten viele Spieler verkaufen, um ihre
Bilanzen einigermaßen ins Gleichgewicht zu bekommen. Die Riomeisterschaft ist
für sie also eher ein Test. Nur Botafogo könnte schon mit etwas mehr Elan ins
Turnier starten. Eventuell hat das auch Vater Marcelo de Pombagira so
analysiert, als er die Vorhersage machte, dass Botafogo die Meisterschaft
gewinnen würde.
In
Nordostbrasilien behebt man das Dilema der Staatsmeisterschaften, indem ein
Nordostpokal gegründet wurde, mit den besten Mannschaften der neun
Bundesstaaten der Region. Dort sind die Stadien voll. Irgendwas müssen die also
richtig machen.
Auch
mein Nachbar und Vasco-Fan Camilo ist noch etwas verkatert von der letzten
Saison und will noch nicht ins Stadion gehen. Wir einigten uns also darauf das
Spiel bei ihm zu Hause zu verfolgen. Dazu gesellt sich João Marcelo, ebenso
Vasco-Fan und los geht die Debatte über den Sinn der Staatsmeisterschaften und
andere Probleme des Fussballs.
Camilo:
„Martin wollte ins São Januário gehen, um Macaé zu sehen. Stell dir das vor!“
João
Marcelo: „Du bist doch verrückt. Das lohnt sich nicht. Die Anfahrt ist zu
beschwerlich und dann kommt keine Stimmung auf, weil nur ein paar Hundert Fans
da sind. Wenn es wenigstens gegen einen atraktiven Gegner ginge, aber Macaé?“
Macaé
ist eine kleine Stadt im nördlichen Bundesstaat Rio de Janeiro. Vor seiner
Küste wurden in den letzten Jahren die grössten Ölvorkommen Brasiliens
gefunden. Deshalb kam die Stadt zu Geld. Der örtliche Fussballklub wird auch
von der Stadtverwaltung gesponsort, also mit öffentlichen Geldern. Der Verein
wird also als absolut traditionslos wahrgenommen.
João
Marcelo: „Aber nichteinmal Vasco ist derzeit atraktiv.“
Camilo:
„Genau. Nachdem die soviele Spieler verkauft haben, kann man nichtmehr von
einer Mannschaft und nur noch von einer Ruine sprechen.“
Martin:
„Sehe ich das richtig: ihr seid mit dem Präsidenten Roberto Dinamite nicht
zufrieden?“
Camilo
und João Marcelo: „Nein!“
Martin:
„Aber er ist doch als Ex-Spieler und Torschützenkönig ein absolutes Idol?
Ausserdem kann er sicher die leeren Kassen nicht verantworten.“
Camilo:
„Ja natürlich. Aber genau deswegen habe ich mir mehr von ihm versprochen. Er
könnte ja mit den Schulden anders umgehen. Aber er stellt seine
Familienangehörige im Verein an und verkauft die Mannschaft ohne Plan. Felipe,
Fagner und Juninho Pernambucano, das war ein Ausverkauf. Jetzt fehlt nur noch
Dedé“
João
Marcelo: „Das Präsidium würde sicher liebend gerne Dedé verkaufen. Aber wenn
sie das machen, dann provozieren sie einen Aufstand.“
Camilo:
„Ja, das wird wohl nicht passieren.“
Für Dedé
liegt ein Angebot über 19 Millionen Reais (etwa 8 Mio Euro) von Corinthians
vor. Eine absolute Rekordsumme in Brasilien für einen Verteidiger. Aber die
beiden sollten recht behalten. Inzwischen wurde die Vertragsverlängerung und
Gehaltserhöhung für Dedé vom Verein bestätigt.
Während
wir so über Fussball plaudern schiesst Macaé ein Tor. Vasco dreht das Spiel
jedoch locker zu einem 3:1 um. In der Schlussphase wird es dann nochmal
hektisch: denn auf beiden Seiten gibt es Elfmeter, die zum 4:2 Endstand
verwandelt werden.
Mittwoch, 23. Januar 2013
Es ist bequem ein Feigling zu sein
In meinen
Gedanken bin ich noch bei dem Spiel von Olaria in der Rua Bariri und so
durchstöberte ich die letzten Tage meine Texte von Nelson Rodrigues. Dabei fand
ich in dem Sammelband „À sombra das Chuteiras Imortais” (Im Schatten der
unsterblichen Fußballschuhe, organisiert von Ruy Castro) folgende Chronik, die in
der Manchete Esportiva 1955 erschienen ist. Ihr Schauplatz ist die Rua Bariri:
Vor einiger Zeit war ich in der Rua Bariri, um ein
Spiel von Fluminense zu sehen. Ich gebe zu: - ich habe Olaria immer für so weit
entfernt, entlegen und utopisch, wie Konstantinopel, Istanbul oder Vigário
Geral gehalten. Schon auf der Avenida Brasil begann ich eine Nostalgie und ein
Exil zu spüren, die sich nur mit denen von Gonçalves Dias und Casimiro Abreu
vergleichen lassen. Das Ende vom Lied: es erwuchs in mir eine Abneigung gegen
jede Art von Reisen. Aber ich kam an und habe die Partie gesehen. In den ersten
dreißig Minuten konnten wir Alles, wirklich Alles, bewundern, außer Fußball. Es
war eine Schande, ein alberner Straßenkick, der die fünf Cruzeiros Eintritt
nicht wert war. Und, plötzlich, ereignet sich eine unerwartete Episode, ein magischer
Zwischenfall, der dem Match fünfter Kategorie
eine neue und elektrisierende Dimension verlieh.
Hier die Fakten: - Irgendein Spieler tritt in das
Gesicht eines Gegenspielers. Was macht der Schiedsrichter? Er schmeißt sich,
stürzt sich mit dem Elan eines Robin
Hood und will dem Schuldigen die letzten Worte sagen. Dieser will aber nichts
von einer Unterhaltung wissen: - er ohrfeigt den Schiedsrichter. Schauen sie, ein
Schlag ist nicht nur ein Schlag: - er ist in Wirklichkeit der bedeutendste und
wichtigste Akt allen menschlichen Handelns. In dem Moment, in dem jemand
schlägt oder ins Gesicht geschlagen wird, werden alle Anderen in die gleiche
Erniedrigung mit einbezogen, verwickelt, mitgerissen. Wir Alle wurden mit der
Ohrfeige verbunden.
Man muss aber noch Folgendes hinzufügen: - der
Klang! Denn, tatsächlich, von allen Klängen auf Erden, der einzige der
keinerlei Zweifel, Missverständnis oder Trugschluss zulässt ist die Ohrfeige.
Ja, Freunde: - eine stille Ohrfeige, eine stumme Ohrfeige würde niemanden
beleidigen. Im Gegenteil: - Opfer und Aggressor würden sich in der tiefsten und
unaussprechlichsten Herzlichkeit in die Arme fallen. Es ist der fürchterliche Klatsch
der sie aufwertet, der sie dramatisiert, der sie unwiderruflich macht.
Nun: - Bei der Ohrfeige in Olaria fehlte das
auditive Element nicht. Aber die Episode hat ihr Grauen noch nicht erschöpft.
Es fehlte noch der Ausgang: - die Flucht des Mannes. Denn der geschlagene Schiedsrichter
kannte keinen anderen Ausweg: - Er nahm die Beine in die Hand. Wir stimmen
überein: - eine so eindeutige und triumphale Panik, ohne jegliche
Verstellung, ohne jegliche Zurückhaltung, ist spannend. Ich sage „spannend“
und füge zu: - selten oder gar einzig.
Normalerweise ist nur das Heldentum bejahend,
unverschämt. Der Held zeigt immer eine einzigartige Unverschämtheit: - Er
stellt sich vor, als ob er die eigene Reiterstatue wäre. Aber der Feigling
nicht. Die Feigheit klagt eine krampfhafte Schande an. Ich habe einen Freund,
der Folgendes macht: - wenn er heim kommt, sperrt er sich in einen Schlupfwinkel
ein, verschließt die Schlüssellöcher und erst dann, in dieser rigorosen
Intimität, lässt er sich von seiner Frau schlagen. Aber hier draußen, im
Tageslicht, ist er ein Tartarin, ein Flash Gordon, der in der Lage ist einem
ganzen Polizeibataillon entgegenzutreten.
Nun gut. Im Gegensatz zu anderen Feiglingen, die
sich verstecken, die leugnen, die ihre eigene Feigheit entstellen – ist der
Schiedsrichter wie ein Karussellpferd gerannt. Es sei angemerkt: Es gibt heute
eine monströse Verbreitungstechnologie, die jede Art von Geheimnis undurchführbar
macht. Und sofort wurde der Schiedsrichter von der Presse, den Radioreportern
umringt. Die fotografierte, ausgestrahlte und übertragene Feigheit projizierte
sich unwiderstehlich. Und als dann, im Folgenden, die Polizei dem
Schiedsrichter Schutz anbot, rieb dieser noch die Zähne, sabberte er noch den
Terror. Als das Match dann vorbei war
passierte die Menge in geschmeidiger, langsamer Art Richtung Ausgang. Aber wir
alle, die wir nur versteckt feige sein können, fühlten Neid, Abscheu und Ärger
über diesen Kleinmut der seine zynische Standarte ausspannte.
Vigário Geral ist ein Stadtteil von
Rio de Janeiro. Gonçalves
Dias und Casimiro Abreu waren Dichter des brasilianischen Romantismus im 19.
Jahrhundert.
Sonntag, 20. Januar 2013
Olaria – Audax, 0:0
In Rios Nordzone gibt es eine der wichtigsten
Wallfahrtskirchen Brasiliens: die Igreja da Penha. Sie liegt auf einem kahlen
Felsen im Stadtteil Penha und ist der Jungfrau Maria geweiht. Ich wollte schon
immer mal die 365 Stufen zur Kirche hinaufgehen und die Aussicht genießen. Da
kam mir das Heimspiel von Olaria, im gleichnamigen Viertel in der Nachbarschaft
der Penha, gerade recht, um eine Tour durch Rios Norden zu machen.
Als ich am Felsen ankam, stellte ich erfreut fest,
dass es inzwischen einen Aufzug gibt, den ich dann dem Fußmarsch vorzog. Die
Kirche wurde kürzlich renoviert und erstrahlt in neuem Glanz und die Aussicht
ist fantastisch. Man überblickt die Nordzone, die Bucht, den Zuckerhut und den
Corcovado. Hinter der Kirche beginnt eine der größten Favelas Rio de Janeiros,
der Complexo do Alemão, in dem 2010 die Militärmaßnahmen gegen die Drogenbanden
begannen. Heute verkehrt dort ein Lift.
Bis ins 19. Jahrhundert dominierten in dieser Gegend
Fazendas, die in erster Linie Zucker produzierten die Landschaft. Aber gegen
Ende des 19. Jahrhunderts siedelte sich in Penha eine Lederfabrik und in Olaria
eine Ziegelei (Port.: Olaria) an. Deshalb wurde daraufhin einer Zuglinie aus
dem Zentrum Rios in diese Richtung gebaut und damit begann das
Bevölkerungswachstum. 1915 wurde der Olaria AC mit Sportangeboten für Fußball,
Tennis, Segeln und – kurios - Pfadfinder gegründet.
Von der Penha-Kirche ist es nur ein kurzer Fußmarsch
bis zum Vereinsgelände in der Rua Bariri. Man sieht, dass der Klub stark in der
Gemeinde des Stadtteils verwurzelt ist. Außer dem Fußballstadion fällt
besonders das Schwimmbad auf. Ich trinke in der Bar noch einen der in der
Nordzone beliebten brühend heißen schwarzen Kaffees aus dem Glas und begebe
mich auf die Tribüne.
In der Gegengerade erhebt sich die - fast leere -
typische Dreieckstribüne Olarias. Die Haupttribüne hingegen ist gut gefüllt,
unter anderem auch mit einem kleinen Fanklub: die Torcida Império Olariense.
Kurz nach Spielbeginn erscheint auch hinterm Tor ein Fanklub: die Torcida Jovem
Olaria. Das Spiel plätschert etwas bedeutungslos vor sich hin. Audax, aus São
João de Meriti in der Peripherie Rio de Janeiros, beschränkt sich aufs
Verteidigen und Olaria findet kein Konzept gegen den Betonriegel.
Da kommt plötzlich Bewegung auf den Rängen auf. Ein
Teil der Torcida Jovem rennt zum Ausgang und ein anderer rennt zum Geländer, um
zu sehen, was auf der Straße, vor den Stadiontoren, geschieht. Das ist ein
typisches Zeichen für Prügeleien. Kurz danach kommen die Jungs wieder zurück
und beginnen Schlachtrufe gegen die Torcida Império anzustimmen. Was ist denn
da los? Ein Streit zwischen den Fanklubs des gleichen Vereins?
Ich spreche
mit Victor von der Torcida Império:
„Wir sind eine Abspaltung der Jovem, deshalb mögen
sie uns nicht.“, erklärt er mir.
„Aber, warum habt ihr euch getrennt?“, hacke ich
nach.
„Sie sind nur auf Prügeleien aus und das hat uns
nicht gefallen.“
„Was war denn jetzt auf der Straße los?“
„Die Torcida von Audax ist eingetroffen und da haben
sie eine Prügelei begonnen. Aber die Polizei hat sie schon getrennt und mehrere
von ihnen festgenommen.“
Ich bin doch etwas überrascht, dass es so etwas bei
so einem kleinen Verein gibt. Am Aushang steht, dass heute 408 Zuschauer anwesend
sind. Da muss man schon suchen, wenn man jemanden finden will, der auf
Prügeleien aus ist.
„Was hältst du denn von deiner Mannschaft?“, führe
ich das Gespräch fort.
„Sie spielen überraschend gut, dafür, dass keine
nennenswerte Verstärkung verpflichtet wurde. Audax hat Geld und müsste
eigentlich mehr zeigen. Bei uns sind einige Sponsoren abgesprungen. Die
Fußballabteilung wird ja jetzt nicht mehr als Verein, sondern als Unternehmen
geführt. Ein Portugiese hat das jetzt, mit der Unterstützung von Eurico
Miranda, Ex-Präsident von Vasco da Gama, übernommen. Da war die Vorbereitung
schlecht. Unter diesen Umständen muss man zufrieden sein.“
Ich gehe zu den Pressekabinen hoch und treffe Fernando, den Präsidenten von Audax und frage ihn zu seiner Meinung über das Spiel.
Ich gehe zu den Pressekabinen hoch und treffe Fernando, den Präsidenten von Audax und frage ihn zu seiner Meinung über das Spiel.
„Ich bin enttäuscht. Das haben wir so nicht
trainiert. Die Mannschaft müsste besser sein. Sie spielt nur hohe, lange Bälle
in die Spitze, statt konzentriert ein Spiel aufzubauen.“
„Was sind denn die Saisonerwartungen von Audax?“
„Wir planen uns für die Serie D, die vierte
brasilianische Liga, zu qualifizieren. Dazu müssen wir vor den Mannschaften,
die schon in der Serie C sind, also Madureira, Duque de Caxias und Macaé,
abschließen. Dann würden wir nationale Aufmerksamkeit gewinnen. Das müsste
möglich sein.“
Da sind also die Erwartungshaltungen ganz
verschieden hoch bei den zwei Klubs. Das Spiel war insgesamt ein sehr fader
Saisonauftakt und endete 0:0. Es gab wenig Höhepunkte und insgesamt würde ich
sagen, dass Audax sogar die besseren Torchancen hatte, trotz seiner
Defensiveinstellung.
Es hat mir gut gefallen bei Olaria. Die Leute sind
freundlich und reden mit einem. Man fühlt sich sofort integriert. Es kommt
einfach ein Gemeinschaftsgefühl auf. Da muss ich doch meinen Ausflug mit einem
kühlen Bier, in einer der legendärsten Kneipen der Region, dem Original do
Bras, in Bras de Pina, nur 3 Stationen von Olaria entfernt, ausklingen lassen.
In Rio de Janeiro gibt es einen Wettbewerb der
besten Kneipengerichte. Das Original do Bras nimmt daran regelmäßig teil und
hat schon Preise gewonnen. Zunächst probiere ich die preisgekrönten panierten
Rouladen, die der Wirt „Eine Runde durch die Vororte“ (Um rolé pelo subúrbio)
nennt. Absolut fantastisch – Bestnote. Als nächstes bestelle ich einen Klassiker
der Botequins (Kneipen): eine Bohnensuppe. Auch mit ihr bin ich sehr zufrieden.
Zum Abschluß gibt es noch ein Gericht mit getrocknetem Fleisch, Zwiebeln und
kandierten Orangenstücken. Das salzige Fleisch mit den süßen Früchten ist eine
gute Idee, aber verglichen mit den ersten beiden Gängen beeindruckt dieses
Gericht nicht so sehr.
So geht ein fantastischer Ausflug in Rios Vororte zu
Ende. Toll war`s. Ich freue mich schon auf die nächsten Spiele.
PS: Ich habe
bemerkt, dass die Teams in der ersten Phase gegen die Klubs der anderen Gruppe
spielen und erst in der zweiten gegen die Mannschaften aus der eigenen Gruppe. In
dem Post vom Mittwoch habe ich das verdreht. Sorry!
Freitag, 18. Januar 2013
Botafogo wird Riomeister!
In meinem letzten Post habe
ich geschrieben, dass Botafogo den Ruf hat ein sehr abergläubischer Verein zu
sein. Gestern hat mir dann ein Freund, der Botafogo-Fan ist, ein Video zugeschickt,
dass einen “Heiligenvater” zeigt, der das Kaurischnecken-Orakel befragt, um
Botafogos Zukunft zu erfahren.
Die “Heiligenväter” sind die
Geistlichen der afro-brasilianischen Religionen Candomblé und Umbanda, die sich
weiterhin grosser Beliebtheit erfreuen. Eine der Aufgaben eines “Heiligenvaters”
ist es die kleinen Kaurischnecken in einen Korb zu werfen und aus der Position,
in der sie fallen, die Zukunft vorherzusagen.
In dem Video sieht man gleich
in der ersten Szene die Kaurischnecken fallen. Danach erklärt uns Vater Marcelo de Pombagira, dass Botafogo sicher die
Riomeisterschaft gewinnen wird. Die Brasilianische Meisterschaft wird Botafogo
jedoch nicht gewinnen, aber immerhin um den Einzug in die Copa Libertadores kämpfen.
Ob er wohl recht behalten wird?
Mittwoch, 16. Januar 2013
Willkommen zur Saison 2013!
Der Urlaub ist vorbei und ab Samstag wird wieder
gegen den Ball getreten. Zeit auch für mich schon mal den Motor warm laufen zu
lassen und mich auf die kommende Saison vorzubereiten. Der brasilianische
Fußballkalender mutet für deutsche Fußballfans etwas seltsam an, denn er ist in
zwei Semester geteilt. Vom 19.01. bis zum 19.05. werden die regionalen
Staatsmeisterschaften stattfinden. In dieses erste Semester fallen auch der
brasilianische Pokal und der kontinentale Copa Libertadores. Am 25.05. beginnt
dann die brasilianische Meisterschaft, die im Dezember endet. Im zweiten
Semester wird auch der Copa Sulamericana, das Pendant zu Europa League,
ausgetragen.
Am Samstag beginnen also die regionalen
Staatsmeisterschaft, dass heisst in Rio, die Riomeisterschaft. Diese
Wettbewerbe sind sehr kurios denn in ihnen müssen die großen etablierten Teams,
wie Flamengo und Fluminense, gegen Dorfklubs antreten. Trotzdem haben diese
Turniere ein hohes Ansehen in Brasilien. Jeder Bundesstaat hat seine eigene
Meisterschaft und seinen eigenen Austragungsmodus, der oftmals – sagen wir –
kreativ ist.
In Rio wurden zwei Gruppen mit je acht Teams
gebildet. In einer ersten Phase spielen alle Mannschaften innerhalb einer
Gruppe nur in einer Hinrunde gegeneinander. Die beiden Bestplatzierten der
Gruppen tragen dann ein Halbfinale und schließlich ein Finale aus. Somit wird
der Meister der ersten Phase ermittelt, der den Guanabara-Pokal erhält.
In der zweiten Phase spielt jedes Team der Gruppe A einmal
gegen jedes Team der Gruppe B und jedes Team der Gruppe B gegen jedes der
Gruppe A. Erneut gibt es nur eine Hinrunde. Die zwei Bestplazierten der beiden
Gruppen ermitteln dann wieder in Halbfinale und Finale den Meister der zweiten
Phase, der den Rio-Pokal erhält. Sollten die Sieger der ersten und der zweiten
Phase zwei verschiedene Klubs sein, dann wird es am 12. und 19. Mai zum großen
Finale um die Riomeisterschaft in Hin- und Rückspiel kommen.
Der Grund für diesen komplizierten Spielmodus ist,
dass man versucht so viele große Derbies zwischen Flamengo, Fluminense, Vasco
und Botafogo zu schaffen wie nur möglich. Man geht davon aus, dass diese vier
Mannschaften immer auf den ersten Plätzen ihrer Gruppen abschließen und so kommt
man im Idealfall auf 14 Derbys in vier Monaten!
Derbys haben sicherlich auch in Deutschland einen
hohen Stellenwert und so ist dieses Bestreben nach einer Multiplizierung der Stadtklassiker
auch für den deutschen Fußballfan nicht ganz unverständlich. Ich denke aber,
dass an dieser Stelle der brasilianische Schriftsteller und Dramaturg Nelson
Rodrigues (1912 - 1980) vorgestellt werden muss. Seine Themen sind Sex, Untreue
und Fußball, damit ist er so eine Art brasilianischer Charles Bukowski. Nelson
liebte als Schauplatz für seine Geschichten die Vororte in Rios Norden, in
denen „noch aus Liebe Selbstmord begangen wird“. Genau in diesen Vororten
liegen die Stadien Maracanã und Engenhão, aber auch viele kleine Vereine, wie
Olaria, Bangu und Madureira.
Nelson verstand den Fußball immer als ein shakespeareanisches
Drama. Als solches hat es verschiedene typische Figuren, die entweder durch die
Klubs oder durch einzelne Spieler dargestellt werden. Mich hat das inspiriert,
frei nach Nelson Rodrigues, die vier großen Klubs vorzustellen. Jedes gute
Drama braucht einen Bösewicht und das ist in Rio der Verein Flamengo, der von
allen drei anderen gehasst wird. Er verkörpert den Verrat, erkaufte Spiele,
ungerechte Schiedsrichterentscheidungen und arrogantes Verhalten. In jeder
Riomeisterschaft gilt es aufs Neue Flamengo niederzuringen.
Das wichtigste Stadtderby ist heutzutage das Spiel
zwischen Vasco und Flamengo. Vasco wurde zu dem großen Rivalen Flamengos und
verkörpert somit in unserem Drama den Helden und das uneingeschränkte Gute.
Vasco konstruierte sein Image des Guten damit, dass er sich als den
antirassistischen Klub ausgibt, da er der erste Verein war, der Spieler aus der
Unterschicht zuließ. In der Sichtweise der Vasco-Fans wäre eine ethnisch
gemischte Nationalmannschaft ohne ihren Klub nicht möglich. Man gibt sich also
das Image eines volksnahen Verein, der von den etablierten benachteiligt wird.
Fluminense hingegen wird allgemein als der Verein
der Oberschicht beschrieben und übernimmt so die Position der grauen Eminenz,
ein weiser Mann, der über Gut und Böse schwebt. Im Vergleich zu Fluminense (der
älteste Klub in Rio) sind alle anderen Vereine nur Kinder, die immer wieder
einen väterlichen Rat brauchen. Fluminense ist eventuell bei Shakespeare vergleichbar
mit dem Geist von Hamlets Vater.
Schließlich
braucht jedes gute Drama noch eine Prise Humor und dafür ist der Hofnarr
zuständig. Botafogo übernimmt diese Aufgabe. Der Verein ist berühmt dafür völlig
irrationale Entscheidungen, aufgrund von abergläubischen Gesichtspunkten, zu
fällen. In seinen Reihen waren mit Garrincha und Heleno de Freitas einige der
außergewöhnlichsten Spieler der Fußballgeschichte, die die Fans immer zum Lachen
brachten.
Ich würde sagen, dass Nelson Rodrigues wohl etwas
unparteiischer war, aber im Großen und Ganzen mit meiner Charakterisierung
übereinstimmen würde. Klar ist, dass Fans von Flamengo die Rollen von Bösewicht
und Held vertauschen würden. Wir können uns also auf bis zu 14 Derbys freuen,
in denen diese Figuren aufeinandertreffen und immer wieder aufs Neue ihre
Kräfte messen.
Darüber hinaus gibt es aber auch die vielen kleinen
Dorf- und Vorortklubs, die die Vorherrschaft der vier Großen herausfordern.
Oftmals gelingt es ihnen sogar und es hat einfach eine poetische Schönheit,
wenn man Flamengo in Bangu verlieren sieht. Immer wieder gelingt es einer
Dorfmannschaften, sich vor einen der großen Klubs zu drängen, was sicherlich
den Charme der Riomeisterschaft ausmacht. Ich werde deshalb ein besonderes
Augenmerk auf die kleinen Klubs richten und ihre Spiele besuchen.
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