Samstag, 8. Dezember 2012

Warum bleibt Neymar in Brasilien?


Es tut sich was im brasilianischen Profifußball. Darüber wurde in den letzten Wochen auch in der deutschen Presse berichtet: http://www.11freunde.de/artikel/warum-neymar-und-co-brasilien-bleiben und http://www.zeit.de/sport/2012-11/brasilien-fussball-seedorf-neymar/komplettansicht.
In beiden Artikeln wird über die verbesserte finanzielle Situation der ersten brasilianischen Liga, die nun schon als die sechst reichste der Welt, nach den Big 5 aus Europa, gilt. Folge und Indikator dieser Veränderung wäre eine Zunahme an international bekannten Stars in den brasilianischen Mannschaften und besonders der Verbleib des Talents Neymar bei Santos.
Im Prinzip stimme ich mit der Beobachtung überein, dass sich das Kräfteverhältnis zwischen Europa und Brasilien zu Gunsten der Südamerikaner verändert, wenn auch nur langsam. Aber ich denke es müssen einige Informationen zurecht gerückt werden.
Es mag viele verwundern, aber die berühmten brasilianischen Erstligaklubs sind alle tief verschuldet. Am schlechtesten sind die Bilanzen bei Flamengo und Fluminense, die dem Fiskus über R$100 Millionen (€40 Millionen) schulden. Das ist der Grund für - sagen wir - kreative Finanzierungsmethoden. Kein Sponsor kann einem Verein direkt Geld aufs Konto überweisen, denn das würde sofort vom Staat fiskiert werden. Deshalb sind Fußballsponsoren dazu übergegangen indirekte Finanzierungswege zu finden. So bezahlte zum Beispiel eine große Brauerei die Renovierung des Restaurants und der Bar im Vereinsheim von Fluminense. Die Gelder flossen direkt auf das Konto der Baufirma.

Quelle: http://esporte.uol.com.br/futebol/ultimas-noticias/2012/12/08/clubes-da-serie-a-do-campeonato-brasileiro-de-2012-devem-juntos-mais-de-r-2-bilhoes.htm

Ähnlich geht man bei der Bezahlung von Stars wie Ronaldinho Gaúcho, Seedorf, Fred oder Neymar vor. Diese Spieler sind eigentlich bei Sponsoren und nicht bei Vereinen unter Vertrag. Man könnte also auch sagen, dass nicht brasilianische Fußballverein sondern brasilianische Unternehmen reicher geworden sind.
Außerdem muss man sich fragen, welchen sportlichen Wert diese Spieler haben und was das über das Niveau der Liga aussagt. Sicherlich die Liste der Stars ist heutzutage lang: Zé Roberto, Forlan, D´Allesandro, Luis Fabiano, Neymar, Ronaldinho Gaúcho, Fred, Deco, Thiago Neves, Wagner Love, Liedson, Seedorf, Juninho Pernambucano, Robinho und auch Ronaldo Fenômeno, Roberto Carlos. Aber ganz ehrlich, außer Neymar sind das alles alternde Ex-Stars, die in Europa niemand mehr haben will, die aber in Brasilien noch einen guten Preis erzielen. Selbst Robinho war zu einer Rückkehr zu Santos gezwungen, als er bei Manchester City aussortiert wurde. Seedorf, als einziger Europäer in der Liste, hat sich aus familiären Gründen zu dem Schritt nach Brasilien entschieden, da seine Frau Brasilianerin ist.
Neymar ist der einzige Sonderfall in dieser Liste. Er ist jung und wird von vielen Klubs in Europa angefragt. Er wurde zu einem Ausdruck des brasilianischen Nationalgefühls des „Schönen Spiels“. Das ist der Grund, dass seine Sponsoren so tief in die Tasche greifen und ihn in Brasilien halten. Denn so können sie – die Sponsoren und nicht die Klubs – in einem expandierenden Markt Geschäfte machen.
Die Brasilianer lieben ihre Altstars, denn sie sind tatsächlich die besten Spieler in der Liga. Das spricht aber eher gegen die Meisterschaft, denn wie kann es sein, dass Spieler, die in Europa ausrangiert wurden, zu Leistungsträgern werden? Das heißt doch, dass das Leistungsniveau in Brasilien bedenklich ist.
Viele Brasilianer haben das auch bemerkt und verfolgen europäische Ligen im Fernsehen. Es gibt sogar schon Fanklubs von Barcelona, Real und Milan. Denn die sogenannte „Neue Mittelklasse“ Brasiliens könnte sich nicht nur die Eintrittspreise für die heimische Liga leisten, sondern auch die Pay-per-View Pakete aus Europa. Im Allgemeinen ist der brasilianische Fußballfan sehr gut über die Big 5 informiert. Der Zuschauerschnitt liegt weiterhin bei 13.000, das etwa 42% Auslastung entspricht: http://globoesporte.globo.com/futebol/brasileirao-serie-a/publico-brasileirao.html. Das heißt die Leute investieren ihr Geld eben nicht in Spiele in heimische Stadien, sondern in TV-Spiele mit den brasilianischen Stars Kaká, Hulk, Pato, Robinho, Thiago Silva, Marcelo, David Luiz, Luiz Gustavo, Dante oder auch Stars anderer Nationalitäten, wie Messi, Ronaldo und Schweinsteiger, in europäischen Mannschaften.
Es könnte also sein, dass wir gerade den Beginn grundsätzlicher Veränderungen der Finanzstruktur und der Qualität der brasilianischen Fußballiga beobachten. Aber es fehlt noch viel, um diesen Wandel tatsächlich zu vollziehen. 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Brasilianische Sportjournalisten in Europa


Der brasilianische Sportsender ESPN Brasil hat letzte Woche ein Reporterteam nach Europa geschickt, um vor Ort über die Spiele Bayern – Dortmund und Chelsea – Nordsjaelland zu berichten. Der Journalist Mauro Cezar Pereira bereitet dabei seine Eindrücke immer in seinem Blog auf.
Gleich nach der Ankunft in München beschließt er die Zweitligabegegnung zwischen 1860 und Paderborn zu besuchen. Er traut seinen Augen kaum: da sind doch tatsächlich an einem Dienstagabend und Minustemperaturen 13.000 Fans im Stadion! Das ist in etwa der Zuschauerschnitt in Brasiliens erster Liga. Außerdem fällt ihm auf, dass die Fans hinterm Tor stehen und dort relativ frei singen und tanzen können. Er ist so fasziniert, dass er die Fans von 60 aufnimmt und in seinem Blog postet: http://espn.estadao.com.br/post/295646_videos-arena-alema-troca-cor-e-mostra-torcedor-livre-no-rs-combatem-a-festa-do-gol (zweites Video).
Am Samstag hat er dann das Spitzenspiel der Bundesliga kommentiert und wunderte sich über das Schweigen der ersten Minuten. Leider konnte er die Spruchbänder und die Berichte in der deutschen Presse nicht lesen und wusste somit nicht, dass es sich um den 12:12 Protest handelte. Seine Interpretation war, dass die Fans sehr angespannt gewesen wären, aufgrund der Wichtigkeit des Spiels.
Außerdem hat Mauro noch den Olympiapark in München besucht, um sich die Nachhaltigkeit des Olympiaprojektes von 1972 anzuschauen. Das ist natürlich im Moment eine große Diskussion in Brasilien, denn in Rio werden gerade die Sporthallen für Olympia 2016 gebaut. Schon 2007 wurde ein Schwimmbad für die Panamerikanischen Spiele fertiggestellt. Dieses Bad ist seitdem geschlossen und somit nicht für die Allgemeinheit geöffnet. Deshalb zeigte sich der Journalist überrascht, dass das Olympiabad in München öffentlich ist: http://espn.estadao.com.br/post/296249_video-piscina-de-olimpiada-realizada-ha-mais-de-40-anos-atende-o-povo-alemao-ja-no-brasil.
Dann reiste die Gruppe weiter nach London und besuchte die Pressekonferenz von Chelsea vor deren Champions League Spiel. Was die Brasilianer aber eigentlich interessierte war der kommende Weltpokal in Japan, bei dem ein Finale zwischen Corinthians und Chelsea erwartet wird. Der Weltpokal ist der wichtigste Titel in der Geschichte eines Vereins in Brasilien, während er in Europa wenig zählt.
Mit Verwunderung stellten die brasilianischen Journalisten fest, dass ihre englischen Kollegen nur Fragen über die Champions League und die englische Liga stellten und den Weltpokal ignorierten. Deshalb unterhielten sie sich mit ein paar englischen Journalisten über den Weltpokal: http://espn.estadao.com.br/post/297107_video-fifa-organiza-um-mundial-politico-fraco-tecnicamente-e-europeus-nao-dao-a-minima-veja. Währen in Brasilien die Saison zu Ende ist und sich die Corinthians auf den Weltpokal konzentrieren können, ist er für europäische Vereine eher ein Hindernis mitten in der Spielzeit. 

Ach ja: das Hinspiel des Finales der Copa Sulamericana in Buenos Aires endete 0:0 zwischen Tigres und São Paulo FC.

Dienstag, 4. Dezember 2012

Saisonrückblick



Am Montagabend veranstaltete der CBF seine Jahresabschlussgala in einem Theater in São Paulo. Bei dieser Gelegenheit wurde nicht nur offiziell der Pokal an den brasilianischen Meister Fluminense überreicht, sondern auch herausragende Spieler auf jeder Position geehrt. Zeit also zu einem Jahresrückblick.
Zu Beginn der Saison sah es ganz so aus, als ob es ein sehr erfreuliches Jahr für Mannschaften aus Rio werden würde. Nach der Hinrunde standen Fluminense, Botafogo und Vasco auf einem Libertadoresplatz. Doch dann begannen letztere beide ein Spiel nach dem anderen zu verlieren. Botafogo landete auf dem 7. und Vasco auf dem 5. Platz, was nicht für die Copa Libertadores qualifiziert.
Den umgekehrten Weg machten die meisten Teams aus São Paulo. Corinthians konzentrierte sich während der Hinrunde - mit Erfolg - darauf die Copa Libertadores zu gewinnen und wird deshalb in der nächsten Woche um den Weltpokal in Japan spielen. Sie werden somit auch nächstes Jahr wieder international spielen. Der São Paulo FC verbrachte die Hinrunde im Tiefschlaf und legte eine sensationelle Aufholjagd hin. Mit seinen Stars Lucas, Luís Fabiano und Rogério Ceni qualifizierte sich das Team für die Libertadores als vierter der Liga. Nächste Woche hat der Klub noch die Chance die Copa Sulamericana, vergleichbar mit der Europa-League, zu gewinnen.
Santos wurde stark dadurch geschwächt, dass die Mannschaft ständig auf Neymar und Ganso verzichten musste, die in die Nationalmannschaft berufen wurden. Trotzdem schaffte man es noch auf den 8. Platz. Verzockt hat sich dagegen der Traditionsverein Palmeiras, der in der Hinrunde seine Kräfte auf den brasilianischen Pokal konzentrierte. Als Pokalsieger konnte man sich als drittes Team aus São Paulo für die Libertadores qualifizieren. Aber die Rechnung ging in der Liga nicht auf, denn die Mannschaft erholte sich nicht mehr und stieg überraschend ab - sicherlich die große Überraschung der Saison.
 Die restlichen brasilianischen Libertadores Teilnehmer werden Grêmio, Atlético – MG und Meister Fluminense sein. Letztere beide Klubs stellen auch den Großteil der ausgezeichneten Spieler bei der CBF Gala. Marcos Rocha, Leonardo Silva, Ronaldinho, Bernard von Atlético – MG und Diego Cavalieri, Carlinhos, Jean, Fred mit Trainer Abel Braga von Fluminense. Der Stürmer Fred konnte noch zwei weitere Trophäen sammeln: Torschützenkönig und Spieler des Jahres.Insgesamt ist so eine Preisverleihung aber ziemlich nervig. Sie dient in erster Linie dazu, dass sich Funktionäre und Politiker profilieren. Der Gipfel war, dass der CBF-Präsident Marin seinem Stellvertreter Del Nero einen Preis für sein Lebenswerk überreichte.


Außer Palmeiras stiegen Sport, Atlético – GO und Figueirense in die zweite Liga ab. Aufsteigen werden Goiás, Criciúma, Atlético – PR und Vitória. Die Zweitligaabsteiger heißen CRB, Guarani, Ipatinga und Grêmio Barueri. Meister der dritten Liga wurde Oeste. Außerdem steigen Icasa, Paysandu und Chapecó in die zweite Liga auf. Den bitteren Gang in die vierte Liga müssen Salgueiro, Guarany, Santo André und Tupi antreten. Schließlich wurde Sampaio Corrêa Meister der vierten Liga. CRAC, Baraúnas und Mogi Mirim sind die restlichen neuen Mittglieder der dritten Liga.
Die meisten Spieler werden jetzt in den Urlaub fahren. Es stehen nur noch das Hin- und Rückspiel des Finales um die Copa Sulamericana zwischen São Paulo FC und Tigres aus Argentinien und der Weltpokal mit den Corinthians aus. Der Verein aus São Paulo wurde gestern bereits von etwa 15.000 Fans am Flughafen verabschiedet. 

Sonntag, 2. Dezember 2012

Fluminense – Vasco, 1:2



Der CBF hat alle Derbys auf den letzten Spieltag der ersten Liga gelegt. Somit konnten heute Corinthians - São Paulo, Grêmio – Inter, Atlético MG – Cruzeiro und eben Fluminense – Vasco bewundert werden. In den meisten Spielen ging es um nichts mehr. Zum Derby in Rio kamen nur etwa 6.000 Zuschauer. Die meisten, um nochmal ihren Meister Fluminense zu feiern. Aber beide Trainer schickten B-Mannschaften aufs Feld und das Spiel war ziemlich schlecht. Fluminense wäre bei einem Sieg auf 80 Punkte gekommen und hätte somit einen neuen Rekord aufgestellt. Aber Vasco gewann ein ziemlich unbedeutendes Spiel mit 2:1.
Die letzten Entscheidungen standen im Abstiegskampf an. Figueirense, Atlético -   GO, und Palmeiras standen schon als Absteiger fest. Aber Sport Recife hätte sich bei einem Sieg und gleichzeitiger Niederlage von Portuguesa oder Bahia noch gerettet. Das pernambucanische Derby zwischen Náutico und Sport wurde so zur wichtigsten Begegnung des Spieltags. Náutico zeigte von Beginn an, dass es die Rivalität ernst nahm. In der ersten Halbzeit vergaben sie einen Elfmeter. Aber in der zweiten Halbzeit machte Náutico das Tor und schickte Sport in die zweite Liga. Parallel dazu kam Portuguesa zu einem 0:0 gegen Ponte Preta und Bahia konnte in Goiania vor traurigen 2.000 Zuschauern 1:0 gewinnen.
Damit möchte ich nochmal zum Meister Fluminense zurückkommen. Jeder Titel hat seine Geschichte und die Tricolores bauen an ihrem Mythos, die sie in Filmen ins Internet stellen. Fluminense wird seit 2009 das „Team der Kämpfer“ (Time de Guerreiros) genannt, da die Mannschaft damals nach 27 Spieltagen mit nur 22 Punkte auf dem letzten Tabellenplatz stand. In den letzten 11 Spieltagen gelangen dann 7 Siege und vier Unentschieden. Damit konnte auf wundersame Weise der Abstieg verhindert werden.


Scheinbar war dieser Abstiegskampf ein reinigender Sturm. Das Team hatte sich gefunden und wurde mit Fred, Washington, Conca, Deco, Gum und Trainer Muricy 2010 brasilianischer Meister. Damals wurde der Titel erst am letzten Spieltag entschieden. Fluminense musste gewinnen, aber das Spiel war sehr angespannt. Es war ein schwüler und heißer Tag, der wahrscheinlich auch die Beine lähmte. Das erlösende 1:0 wurde erst Mitte der zweiten Halbzeit erzielt. Im Sambadrom wurde eine Großbildleinwand aufgestellt, um möglichst vielen Fans die Party zu ermöglichen. Nachts entlud sich das schwüle Wetter in einem tropischen Regenguss über der Meisterparty. Hier eine Zusammenfassung der Ereignisse:


Jetzt wurde 2012 der Erfolg wiederholt. Fred, Deco und Gum sind immer noch Teil der Mannschaft. Dazukamen Thiago Neves, Wellington Nem und Trainer Abel Braga. Diesmal wurde der Titel drei Spieltage vor Ende errungen. Hier eine Zusammenfassung:


Das Spiel von Fluminense endete verspätet. Somit war es möglich, dass der Spieler Richarlyson von Atlético – MG das letzte Tor von Fred, das Tor zum Titel von Fluminense und somit der Verlust des Titels für Atlético – MG, sehen konnte. Diese Szene wurde gefilmt. Ziemlich Klasse:


Samstag, 1. Dezember 2012

ConFed-Cup Auslosung in São Paulo

Die Auslosung war etwas chaotisch, aber wir kennen jetzt die Gruppen:


Gruppe A
Gruppe B
Brasilien
Spanien
Japan
Uruguay
Mexiko
Tahiti
Italien
Afrikameister

Zeitgleich finden in mehreren brasilianischen Städten Proteste statt: http://comitepopulario.wordpress.com/.

Freitag, 30. November 2012

Das neue Stadion von Grêmio



Auf der Soccerex war auch das Bauunternehmen vertreten, das die neue Arena von Grêmio in Porto Alegre baut. Dort wird das Beira Rio Stadion des Stadtrivalen Internacional zum WM-Stadion. Aber Grêmio konnte da natürlich nicht zurückstecken und beschloss auf eigene Faust eine Arena zu bauen. Auf der Soccerex war nun ein Model dieses neuen Stadions ausgestellt und man konnte erkennen, dass entgegen des landesweiten Trends, dort hinterm Tor Stehplätze erhalten bleiben. Diese sind für die „Geral“ reserviert.
Geral nennt man in Brasilien die billigen Stehplätze, aber bei Grêmio haben die Ultras diesen Namen übernommen. Die „Geral“ von Grêmio hat vor ein paar Jahren begonnen argentinische Lieder zu übernehmen und so die Sambagesänge aus ihrem Stadion zu verbannen. Zum Markenzeichen wurde die „Lawine“, der Moment eines Tores bei dem alle Fans zum Spielfeldrand hinunterrennen. Die Geral hatte so großen Erfolg, dass die Performance der Fans aller Spiele Grêmios aufgezeichnet wurden und hier  www.ducker.com.br zu bewundern sind. Immer mehr Fanklubs in ganz Brasilien begannen die Lieder der Geral zu kopieren.
Als ihre Mitglieder immer mehr unter Polizeischikanen litten, beschlossen sie massenweise Mitglieder im Verein zu werden, um an die Schlüsselpositionen zu gelangen. Die Fans blasen zum Angriff und begannen ihren Gang durch die Institutionen. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum sie es geschafft haben, den Erhalt der Stehplätze durchzusetzen.
Grêmio ist ein absoluter Kultklub. Grund dafür ist sicherlich die sogenannte „Schlacht der Angespannten“ (Batalha dos Afflitos). Es handelt sich dabei um das entscheidende Spiel um den Aufstieg aus der zweiten in die ersten Liga 2005 zwischen Náutico und Grêmio. Náutico musste gewinnen, für Grêmio war ein Unentschieden genug. Das Spiel fand im Afflitos Stadion in Recife statt.
Ich habe das Spiel damals im Fernsehen verfolgt und es wurde zu einem absoluten Krimi. Der Torwart von Grêmio – Galato – wehrte schon in der ersten Halbzeit einen unberechtigten Elfmeter ab. Dann wurde ein Spieler vom Platz gestellt. In der zweiten Halbzeit gab es einen weiteren sehr zweifelhaften Elfmeter, wegen dem die Spieler von Grêmio ausrasteten. Weitere drei Spieler sahen rot und Grêmio war nun nur noch zu siebt auf dem Platz und hatte einen Elfer gegen sich. Das Spiel wurde für etwa 20 Minuten unterbrochen.
Die Ereignisse, die nach Wiederanpfiff geschahen können nur als einmaliges Wunder beschrieben werden. Galato verteidigte erneut den Strafstoß. Die anschließende Ecke konnte abgewehrt werden und führte zu einem direkten Gegenangriff, den ein Spieler von Náutico nur durch Foul beenden konnte. Er sah auch rot. Der fällige Freistoss landete in den Füßen von Anderson, der die Abwehr ausdribbelte und zum 1:0 für Grêmio verwandelte. Der Radioreporter aus Porto Alegre schnappte total über. Zwischen Elfer und Tor lagen 70 Sekunden.
Grêmio konnte das Resultat verteidigen und stieg in die erste Liga auf. Das Spiel wurde zu einem Dokumentarfilm verarbeitet. Hier eine Zusammenfassung des Spiels:


Der Radiokommentar während des Tors von einem Radio aus Porto Alegre ist unbezahlbar!
Im Übrigen wird das neue Stadion am 08.12.2012 mit einem Spiel gegen den HSV eingeweiht. Die Hamburger wurden dazu eingeladen (oder besser unter Vertrag genommen, denn es scheint viel Geld geflossen zu sein), da sie Grêmios Gegner im Weltpokalfinale 1983 waren. Dieser Titel zählt sehr viel in Brasilien.

Mittwoch, 28. November 2012

Soccerex, Rio de Janeiro, 24. – 28.11.2012



Ich genieße es sehr im Moment in einer Stadt zu wohnen, die sich auf zwei Sportgroßereignisse vorbereitet. Das führt dazu, dass im Zuge dieser Vorbereitungen verschiedene andere Veranstaltungen nach Rio de Janeiro kommen, die mich etwas mehr hinter die Kulissen des Fußball-Business schauen lassen.
Diese Woche wurde zum Beispiel die größte Fußballmesse der Welt in der Festung der Copacabana durchgeführt. Persönlich finde ich es sehr kurios, dass so etwas, wie eine Fußballmesse existiert. Man könnte meinen, dass man nur ein bisschen Equipment, wie Bälle, Trikots und Schuhe braucht, und dass es natürlich den Spielermarkt gibt, der aber nicht auf Messen stattfindet.
Deshalb mache ich mich auf, um der Frage nachzugehen, was auf einer Fußballmesse angeboten wird. Der Zugang zur Soccerex wurde im Hotel Sofitel am Strand der Copacabana errichtet. Wenn man die Akkreditierung erfolgreich hinter sich gebracht hat, gelangt man über eine extra dafür errichtete Fußgängerbrücke auf die andere Straßenseite in das Messegelände in der Festung. Dieses besteht aus einem Großzelt mit wunderbarer Aussicht auf den Zuckerhut und andere Sehenswürdigkeiten. Visuell hat Rio viel zu bieten. 


In der Halle haben die verschiedenen Anbieter ihre Stände aufgebaut, zwischen denen ich etwas flaniere. Da sind zunächst die Gastgeberstädte der WM 2014. Dann entdecke ich viele Stadionausrüster, wie Hersteller von Stadionsitzen oder Sicherheitsequipment. Sportartikelhersteller sind auch anwesend. Kurios fand ich die Stände von Vereinen aus Argentinien, Brasilien und Südafrika. Verständlich ist auch, dass Sportmarketingfirmen ihre Dienste anbieten.
Brasilien hat sich das Austragungsrecht verschiedener Sportereignisse schon gesichert, aber andere wollen folgen und präsentieren sich auf der Soccerex. So will die Türkei ihren Ambitionen auf die Euro und die Olympischen Spiele mit einem prunkvollem Stand Nachdruck verleihen. Der spanische Verband bietet seine Fußballstruktur für Trainingscamps an. Ähnliches macht die Stadt Canoas in Südbrasilien, die zwar kein WM-Standort ist, aber als Trainingsort für eine Nationalmannschaft bereit steht.


Im hinteren Teil des Zeltes befindet sich ein Saal für Vorträge und Diskussionen, wo ich eine Präsentation einiger WM-Städte verfolge. Außerdem gibt es mehrere Lounges, Restaurants und Cafés für das berühmte Networking. Insgesamt ist die Messe eine Gelegenheit, um Kontakte zu knüpfen, so treffe ich mehrere ehemalige Spieler, einige Jornalisten und sogar den Symbolfan „Bola Sete“.
Er ist ein Beispiel dafür, dass man in Brasilien sein Geld als Fan verdienen kann. Er präsentiert sich selbst, auf Grund seines Körperumfangs, als wandelnde Litfaßsäule. So gelingt es ihm Werbepartner zu überzeugen in zu sponsoren, wenn er in den Stadien auftritt. Gemeinsam mit einer Band war er schon bei der WM in Deutschland, den Panamerikanischen Spielen 2007 und er ist Stammgast bei der Beach-Soccer-WM. Sein neustes Projekt ist Lingerie-Fußball am Strand von Copacabana, wie er mir enthusiastisch erzählt.


In einer so überladenen Atmosphäre ist es schwierig für Aufmerksamkeit zu sorgen. Deshalb laden viele Stände ehemalige Fußballspieler ein, um für ihr Anliegen zu werben. Während meines Aufenthaltes auf der Soccerex machte besonders die Stadt Salvador auf sich aufmerksam. Sie organisierte eine kleine Show, bei der zunächst Bebeto interviewet wurde und im Anschluss gab es einen bizarren Auftritt einer Axé-Sängerin, die mit einem Roboter und den Pataxó-Indianern tanzte. Was für eine Mischung!


Die Soccerex wird also von den verschiedenen Anbietern genutzt, um sich im Rampenlicht der Sportgroßereignisse gut darzustellen und ihren Teil zu verdienen. Auch außerhalb des Messegeländes wird in einem Großteil der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen in Brasilien mit dem Argument „Großereignisse“ gehandelt.
Im brasilianischen Parlament wird im Moment diskutiert, wie die Royalties aus den landeseigenen Ölvorkommen verteilt werden sollen. Bisher wurden diese den Bundesstaaten zugesprochen, in denen das Öl gefunden wurde. Das nationale Parlament will die Royalties jetzt über das ganze Land verteilen. Dagegen stemmen sich natürlich die Ölförderer und einer der größten ist Rio de Janeiro.
Am Montag rief nun die Landesregierung von Rio zu einer Demonstration auf, um die Royalties für Rio zu verteidigen. Die Argumentationslinie dabei ist, dass Rio das Geld braucht, um WM und Olympia finanzieren zu können! In staatlichen Einrichtungen wurde ein Feiertag ausgerufen, um es den Beamten zu ermöglichen auf die Demonstration zu gehen. Es handelte sich also um eine staatlich organisierte, wenn nicht sogar verordnete, Demonstration. Nach Polizeiangaben kamen etwa 200.000 Menschen.


Schließlich gehört auch die Zukunft des Maracanã weiterhin zu den Tagesordnungspunkten. Auch die Verteidiger des  Maracanã nutzten die Aufmerksamkeit der Soccerex für mehrere Demonstrationen, zum Beispiel während des Besuchs der FIFA-Kommission im Stadion. Sie bekamen jetzt eine berühmte Unterstützung von dem Sänger Chico Buarque:


Die FIFA-Kommission ist inzwischen nach São Paulo weitergereist, denn dort wird am Wochenende die Auslosung für die Gruppen des ConFed-Cups stattfinden. Außerdem wurden auch schon heute die Bauarbeiten am dortigen Stadion begutachtet. Bei diesem Besuch scheint die Information über den neuen Nationaltrainer Felipão weitergegeben worden sein. 

Felipão wohl neuer Nationaltrainer!

Morgen wird der CBF den neuen Nationaltrainer Brasiliens vorstellen. Die Gerüchteküche kocht heftig. Die Anberaumung einer Pressekonferenz kann aber so beurteilt werden, dass der Kandidat schon feststeht. Vieles spricht zu so einem frühen Zeitpunkt für Felipão, wie Luiz Felipe Scolari, der Weltmeistertrainer von 2002, in Brasilien genannt wird. Unbestätigte Quellen sollen auch die Information weitergegeben haben, dass Carlos Alberto Parreira, Weltmeistertrainer von 1994, im Trainerstab sitzen soll.

Sonntag, 25. November 2012

Vasco – Flamengo, 1:1



Das Spiel zwischen Vasco und Flamengo hat schon seit einigen Jahren dem Klassiker Fla-Flu den Rang abgelaufen. Das Derby der Millionen ist unter normalen Umständen das Stadtgespräch Nummer eins. Aber, nachdem die Meisterschaft schon entschieden ist und beide Teams am vorletzten Spieltag im Tabellenmittelfeld treiben, hat das Duell jegliche Brisanz verloren.  
Ich beschloss trotzdem mit meinem Neffen Vitor, der Flamenguista ist, was ein übler Erziehungsfehler seiner Eltern ist (die das nicht lesen können), das Spiel im Engenhão zu besuchen. Vasco hat erneut den Eintrittspreis extrem heruntergesetzt, um wenigstens ein paar Fans anzulocken. Der Stadionsprecher verkündete dann auch 10.000 anwesende Zuschauer, aber ich glaube, dass nur 5.000 da waren. Dementsprechend bescheiden war die Stimmung.
Beide Mannschaften traten mit B-Teams an. Das Spiel war auch ziemlich schlecht. Insgesamt hat Flamengo besser gespielt und hätte den Sieg verdient gehabt, aber noch in der ersten Halbzeit verwandelte Vasco etwas überraschend einen Freistoß. Den konnten sie dann auch bis kurz vor Schluss verteidigen, aber in der letzten Minute gelang Flamengo doch noch der Ausgleich per Kopfball nach einer Ecke.  
Damit wird Flamengo völlig enttäuschend irgendwo zwischen dem 9. und 13. Platz die Meisterschaft abschließen. Und das als beliebtester Verein Brasiliens, der eigentlich unbeschränkten Zugang zu Ressourcen hat. Aber der Klub wird einfach zu schlecht geführt und stolpert immer wieder über seine Eskapaden, die auch durch den Hochmut seiner Mitglieder hervorgerufen werden.
 Was die brasilianischen Medien vergangene Woche interessierte war der Prozess um das Verschwinden, vermutlich Ermordung, der Geliebten des ehemaligen Torwarts von Flamengo Bruno. Das Problem der Anklage ist, dass der Leichnam des Opfers nie gefunden wurde, was die Verteidigung zu der These nutzt, sie sei noch am Leben. Dem Verteidiger Brunos gelang es auch seinen Prozess von dem seiner Helfer zu trennen. So wird sich Bruno selbst erst im März verantworten müssen. Aber seine Helfer standen diese Woche vor Gericht und wurden der Beihilfe des Mordes mit bis zu 10 Jahren Haft verurteilt.


Das ist kein gutes Zeichen für Bruno, denn das heißt, dass das Gericht der Meinung ist, dass, obwohl kein Leichnam gefunden wurde, ein Mord stattfand. Die Ermordete ist die ehemalige Geliebte von Bruno und Mutter seines Sohns, dessen Vaterschaft er nicht anerkennen wollte. In typischer hochmütiger Flamengo-Art, dachte er, dass er dies nicht tun brauche und sie umbringen konnte, ohne, dass ihm etwas passieren würde. In die Geschichte sind unglaublich viele Personen verwickelt, dass es fast unmöglich ist, dass nie etwas ans Tageslicht käme. Insbesondere, da der Sohn Brunos, bei einer Bekannten auftauchte, was die Frage nach dem Verbleib der Mutter schürte.  
Man muss nun abwarten, was im März passieren wird, aber ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass Bruno verurteilt wird. Der Beweisdruck der Indizien ist einfach zu stark. Flamengo braucht sich danach nicht wundern, als Klub der unmoralischen und hochmütigen Verbrecher zu gelten.
Nächstes Wochenende wird die letzte ausstehende Entscheidung des letzten Abstiegsplatzes zwischen Portuguesa, Bahia und Sport entschieden. Die zweite Liga ging heute zu Ende. Aufsteiger sind Goiás, Criciúma, Atlético – PR und Vitória aus Bahia. 


Freitag, 23. November 2012

Mano Menezes entlassen!



Vor etwas mehr als einer Stunde hat der brasilianische Fußballverband CBF bekanntgegeben, dass der Nationaltrainer Mano Menezes mit sofortiger Wirkung entlassen wird. Ein Nachfolger soll erst im Januar bekannt gegeben werden.
Trotz der kritischen Stimmen in der brasilianischen Presse kommt dieser Schritt überraschend, denn es wird dadurch die Aufbauarbeit für eine schlagkräftige Mannschaft für 2014 unterbrochen. Gerade die letzten Spiele waren eigentlich relativ vielversprechend, inklusive der Sieg im Superclássico. Mano Menezes hat die Seleção jetzt in 33 Spielen betreut, von denen er 21 gewonnen und nur 6 verloren hat.
In der brasilianischen Presse wird jetzt gemunkelt, dass Mano Menezes der Kandidat des ehemaligen CBF-Präsidenten Ricardo Teixeira war und der neue Amtsinhaber José Maria Marin ihn aus politischen Gründen loshaben wollte, um den Machtwechsel zu verfestigen.
Als Favoriten auf die Nachfolge gelten Luiz Felipe Scolari (Im Moment ohne Klub, wird aber als Verantwortlicher für den Abstieg von Palmeiras gesehen), Muricy Ramalho (Santos FC, aber mit Ausstiegsklausel; 4 mal Meister in den letzten 7 Jahren) und Vanderlei Luxemburgo (hat erst kürzlich bei Grêmio verlängert). 

Donnerstag, 22. November 2012

Argentinien - Brasilien, 2:1, (3:4 i. E.), Stadion La Bombonera, Buenos Aires



Das am 03. Oktober wegen Lichtmangel ausgefallene Spiel zwischen Argentinien und Brasilien wurde gestern im legendären La Bombonera in Buenos Aires nachgeholt. Scheinbar wollten die Veranstalter mit allen Mitteln so peinliche Szenen, wie vor sechs Wochen, vermeiden und wählten eine kampferprobte Arena für den Superclássico. Wie beim Hinspiel, so wurden auch diesmal nur Spieler, die in Brasilien oder Argentinien tätig sind berufen.
Brasiliens Trainer Mano Menezes vertraute diesmal auf die Fluminense-Achse Diego Cavalieri, Thiago Neves und Fred. Der öffentliche Druck die brasilianischen Meister zu rufen war groß geworden. Um diese Achse baute er die Abwehr von Atlético – MG, das Mittelfeld von Corinthians und Neymar von Santos im Sturm.
Die Argentinier mussten stärker auf Angriff setzen, denn sie mussten mindestens ein Tor schießen, um das 2:1 aus dem Hinspiel auszugleichen. Dabei vertraute Argentiniens Sabella auf fünf in Brasilien tätige Profis. Doch das half in der ersten Halbzeit wenig. Das Spiel war bis zur 80. Minute ein Langweiler bei dem man das Gefühl hatte, dass die Brasilianer nicht mehr als das 0:0 wollten und die Argentinier nicht mehr konnten.
Aber dann foulte Jean Martinez so knapp vor der Strafraumlinie, dass es unmöglich war dies mit bloßem Auge zu erkennen, und der Schiedsrichter gab Elfmeter. Der erst in der zweiten Halbzeit eingewechselte Scocco verwandelte zum 1:0 für Argentinien. Jetzt gewann das Spiel an Dramatik, denn Brasilien musste kommen. Fast im Gegenzug erzielte Fred den 1:1 Ausgleich nach Flanke von Jean.
In der letzten Minute gelang den Argentiniern erneut ein schöner, schneller Angriff, bei dem Scocco frei vor Torwart Diego Cavalieri auftauchte. 2:1. In Südamerika sind Verlängerungen unüblich und so musste das Elfmeterschießen entscheiden. Bei Argentinien vergaben Martinez und Montillo gleich die ersten beiden Elfmeter. Bei Brasilien verschoss nur Carlinhos. Damit war der Weg frei für Neymar den letzten Strafstoß zum Titelgewinn für Brasilien zu verwandeln. Die letzten zehn Minuten und das Elfmeterschießen entschädigten für eine ansonsten laue Veranstaltung.


Mano Menezes entschuldigte sich dafür in der anschließenden Pressekonferenz und begründete die Darbietung damit, dass die Spieler von Fluminense noch die Meisterschaft feiern würden und die Spieler von Corinthians schon an das Weltpokalfinale gegen Chelsea in zwei Wochen denken würden. Man muss sich natürlich fragen warum er dann diese Spieler berufen hat.
Gefehlt haben natürlich mit Lucas und Luis Fabiano zwei Schlüsselspieler vom São Paulo FC. In der zweiten Jahreshälfte findet in Südamerika die Copa Sulamericana statt, das Pendant zur Europa League. São Paulo FC trifft in diesem Wettbewerb heute Abend im Halbfinale auf Universidad Catolica aus Chile. Deshalb wurden die Spieler nicht für die Seleção abgestellt.
Trotz der Niederlage haben die argentinischen Fans den Brasilianern mal wieder gezeigt wie man Stimmung macht. Die Fans haben In einem wunderbaren Stadion, das die Atmosphäre multipliziert, die 90 Minuten durchgesungen.


Aufstellung Brasilien:
Diego Cavalieri, Lucas Marques, Réver, Durval, Fábio Santos, Ralf,
Paulinho, Arouca, Thiago Neves, Neymar, Fred

Montag, 19. November 2012

Fluminense - Cruzeiro, 0:2



Alle 35.000 Eintrittskarten waren in wenigen Stunden ausverkauft. Aber was die Tricolores sehen wollten war nicht das Spiel von ihrem Fluminense, sondern die Pokalübergabe. Zunächst weigerte sich der CBF die Pokalübergabe am Sonntag im Stadion zu machen, denn sie haben dafür einen Festakt im Theater in São Paulo für den 03.12. geplant. Die Woche wurde deshalb von der Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Aktion bestimmt, bis sich dann der CBF endlich erweichen ließ. Irgendwie war allen klar, dass die Pokalübergabe im Theater ein Akt von Technokraten war, die Fußball nicht verstanden haben, nur der Fußballverband hatte Probleme das einzusehen.
Was gestern im Engenhão Stadion durchgeführt wurde, war somit ein Festakt. Das Spiel geriet für alle Beteiligten zur Nebensache. Rund um das Stadion wurden die in Brasilien üblichen Meisterschärpen verkauft, die sich die Fans stolz überstreiften. Mehrere Tricolores hatten sich für diesen Tag eine besondere Verkleidung, wie Hüte, Masken oder bemalte Gesichter überlegt. Am besten hat mir der Fan gefallen, der sich einen kompletten Frack, mit Zylinder und Fliege in den Farben grün-weiß-rot geschneidert hat. Diese Verkleidung spielt auf den aristokratischen Ursprung des Vereins an.


Vor dem Stadion treffe ich Amanda, die auch eine Eintrittskarte ergattert hat: „Du wirst heute die beste Mannschaft Brasiliens sehen.“, erklärt sie mir. „Das wird dir gefallen. Mein Team hat die Meisterschaft gewonnen!“ Vor dem Osteingang, an dem sich die Tricolores treffen, ist noch eine halbe Stunde vor Spielbeginn die Hölle los.


Eigentlich hat das Engenhão ein offizielles Fassungsvermögen von 45.000 Zuschauern. Aber die gesamte Nordkurve, etwa 10.000 Plätze, werden für Gästefans reserviert. Bei den riesigen Entfernungen zwischen brasilianischen Erstligastädten heißt das zumeist, dass dieser Bereich fast komplett leer bleibt. Das wissen auch die Tricolores, die keine Karte haben, und so beobachte ich eine große Menge, die versucht sich am Nordeingang Zutritt zu verschaffen. Sie schreien „Cruzeiro, Cruzeiro“, aber die Ordner bleiben hart. Ein typisches Beispiel für das Beharren auf unsinnige Regeln.
Als ich etwa 15 Minuten vor Spielbeginn auf die Tribüne komme, bemerke ich erneut, dass es sich heute um ein besonderes Spiel handelt, denn die Mannschaft ist schon auf dem Platz, um die Meisterfotos zu machen. Diese Änderung des normalen Protokolls, bringt auch die Fans aus dem Rhythmus. Sie hatten eine Choreographie (Fizeram História – Sie haben Geschichte geschrieben) geplant, die beim Einlaufen der Mannschaften gezeigt werden sollte. Kurz vor Spiel wird sie eher etwas schief gezeigt. Danach wird das berühmte Talkpulver in die Höhe geschmissen, dass den Fluminensespielen das besondere Flair verleiht.


Plötzlich gibt es Aufregung hinter mir. An einem der Zugänge bildet sich eine Menschentraube. Nach einiger Zeit sehe ich wer den Tumult verursacht: Novak Djokovic. Die Nummer Eins der Tennis-Weltrangliste ist gerade in Rio für ein Freundschaftsmatch gegen Gustavo Kürten und ließ es sich nicht nehmen den brasilianischen Meister zu sehen.


Dann wird es plötzlich ruhig. Es wird jetzt richtig klar, dass das Spiel eher stört. Die Fans wollen den Pokal sehen und die Spieler ihn entgegennehmen. Sie sind auch komplett von der Rolle und verlieren 0:2. Die Luft ist einfach raus. Da hilft es auch nicht, dass die Akustik des Engenhão fürchterlich schlecht ist und so ist es selbst in einem ausverkauften Stadion schwer Stimmung zu erzeugen.


So überrascht es nicht, dass die Fans erst etwa fünf Minuten vor Spielende wieder beginnen ihre Gesänge anzustimmen. Sie fiebern dem Moment der Pokalübergabe entgegen. Dann ist es endlich soweit: der Schiedsrichter pfeift ein gruseliges Spiel ab und die Spieler von Fluminense begeben sich zu der in der Nordkurve errichteten Bühne. Endlich bekommen sie den Pokal und können, unter dem Jubel der Fans, die lang ersehnte Ehrenrunde drehen.


2x0? Scheiß drauf. Ich bin Meister!

Mittwoch, 14. November 2012

Vereinshymne Fluminense


Brasilien steht vor einer Woche von Feiertagen: morgen ist der Gedenktag an die Republikausrufung und am Dienstag wird an den dunkelhäutigen Aktivisten Zumbi dos Palmares erinnert. Freitag und Montag werden dann, speziell in öffentlichen Einrichtungen, wörtlich „erhängt“ – „dias enforcados“. Ich werde deshalb heute Abend in die Berge fahren und das Spiel der Seleção gegen Kolumbien ignorieren. Am Sonntag bin ich dann wieder zurück, um im Engenhão die Pokalübergabe an Fluminense zu bewundern.
Für heute habe ich eine Hommage an den frischgebackenen Meister Fluminense vorgesehen. Und zwar habe ich bei Youtube einige interessante Versionen der Vereinshymne gefunden, die ihr im Folgenden genießen könnt. Auf Facebook könnt ihr abstimmen welches euer Favorit ist.

Version Tim Maia:


Version Rock:


Version Piano:


Version Nymphensittich (Calopsita):


Montag, 12. November 2012

Palmeiras – Fluminense, 2:3


Am Ende ging alles ganz schnell. Drei Spieltage vor Saisonende ist Fluminense schon brasilianischer Fußballmeister. Ich wohne in der Nachbarschaft des Stadtteils Laranjeiras, in dem das Vereinsheim und Stadion von Fluminense steht. Jeden Sonntagmorgen mache ich ein Fitnessprogramm im Nationalpark Tijuca, unweit der Christusstatue. Schon dort waren viele Tricolores mit ihren dreigestreiften Trikots unterwegs. Beim Rückweg auf der Laranjeiras-Straße sah ich schon um 9.30h in der Früh einen Verkäufer der Meisterschärpen. Aber ich ging erst mal heim, um zu frühstücken, das Spiel begann ja erst um 17.00h.
Außerdem hielt ich die Meisterchancen für gering, denn nicht nur Fluminense musste Palmeiras besiegen, sondern durfte auch Atlético – MG bei Vasco nicht gewinnen. Palmeiras saß eine Platzsperre aus und so fand das Spiel in Presidente Prudente, im Hinterland São Paulos statt. Ich ging auf den São Salvador Platz in Laranjeiras, wo sich mehrere Kneipen mit Fernsehern befinden. In relaxter Sonntagnachmittag-Atmosphäre spazierten die Tricolores über den Platz und genossen ihr erstes Bier.
Zu Spielbeginn war kein Platz mehr in den Kneipen und die Menge machte sich auf der Straße breit. Für Autos war fast kein Durchkommen. Beim Anpfiff machte sich zunächst angespannte Stille breit. Aus São Januário wurde das 1:0 für Atlético – MG gemeldet. Aber kurz vor der Halbzeit erzielte Fred das 1:0 für Fluminense. Das Spiel wurde in der zweiten Halbzeit dramatisch, denn Fluminense erziehlte einen weiteren Treffer gegen den Abstiegskandidaten und verspielte dann aber diese Führung. In São Januário konnte Vasco tatsächlich ein 1:1 gegen Atlético – MG erringen. Jetzt fehlte nur noch das Siegtor Fluminenses. Nach einer kurzen Schwächephase konnte der Tabellenführer die Kontrolle des Spiels in beeindruckender Weise zurückerobern. Und in der 87. Minute war es dann soweit: Fred trifft mit seinem 19. Saisontor zum 3:2.
Nur wenige Minuten später steigen die Fans um mich auf die Tische und ein Feuerwerk in den Himmel Rio de Janeiros. Fluminense gewinnt seine 4. Nationale Meisterschaft. (Etwas verwackelt)


Ein paar Bier später gehen wir die Straßen des Viertels hinunter zum Vereinssitz. Die Pinheiro Machado Straße ist schon vollbesetzt mit Tricolores:


Im Stadion wird fieberhaft gearbeitet, um den Bierverkauf zu organisieren. Um 21.00h öffnen die Stadiontore und die Fans stürmen den Platz. Die Mannschaft kommt erst um 3.00h im Stadion an und präsentiert sich den Fans. Aber da bin ich schon im Bett. Ich war sicherlich auf der besten Party der Stadt. Was für ein Wochenende! Was für ein Martinstag!


Ich geh mit meiner Laterne 
und meine Laterne mit mir.
Dort oben leuchten die Sterne und unten, 
leuchten wir.
Mein Licht ist aus, ich geh nach Haus.
rabimmel- rabammel-rabum.